Wenn das Blut gewaschen werden muss

Posted by on 15. November 2013

Seit 20 Jahren gibt es ein Apheresezentrum in Mühlhausen / Glückwünsche für die Jubiläumspatientin

Von Iris Henning

Mühlhausen. Ein Blumenstrauß steht heute auf dem Tischchen neben dem Krankenbett von Maritta Kühnl. Damit gratuliert ihr die Belegschaft des Apheresezentrums Mühlhausen zu einem besonderen Jubiläum. Die 74-jährige Patientin aus Seebach kommt beinah auf den Tag genau 20 Jahre lang in die Spezialabteilung des Mühlhäuser Dialysezentrums. Glückwünsche nimmt sie von ihrem behandelnden Arzt, Dr. Michael Scholl, und den Schwestern entgegen. Maritta Kühnl war die erste Patientin, die im damals neu gegründeten Apheresezentrum aufgenommen wurde.

Einmal pro Woche muss die Seebacherin zur Blutwäsche. Sie lebt mit einer der seltenen und einer der schwersten

131106 Apheresezentrum

Glückwünsche nimmt Maritta Kühnl von Dr. Michael Scholl und Schwester Yvonne zum Jubiläum entgegen. Ein Jubiläum begeht auch das Apheresezentrum am Blobach: Es feiert sein 20-jähriges Bestehen. Foto: Iris Henning

Formen der Fettstoffwechselstörungen. „Familiäre heterozygote Hypercholesterlämie“ lautet ihre Diagnose. Etwa drei Stunden dauert die Prozedur der Blutwäsche. Fast tausendmal hat sie diese schon über sich ergehen lassen müssen. „Würde es die Apherese für mich nicht geben, wäre ich nicht mehr auf dieser Welt“, ist die Patientin dankbar für die heutige moderne Therapie und dafür, dass die Krankenkasse die Kosten für diese teure Behandlung übernimmt. Ihre Mutter, die ebenfalls an dieser Erbkrankheit litt, habe ihren 60. Geburtstag nicht mehr erleben können, erzählt sie. Die Mutter teilt das Schicksal der früher Geborenen, für die es die heutigen Möglichkeiten nicht gab.

Eine Einschätzung, die Dr. Scholl bestätigt. Er erklärt: Für Patienten wie Maritta Kühnl ist eine Lipid-Apherese eine lebensrettende Therapie. Bei dieser Behandlungsmethode handele es sich um ein spezielles Blutreinigungsverfahren ähnlich einer Dialyse, bei dem aus dem Blut bestimmte Fette entfernt werden, insbesondere das LDL-Cholesterin und Lipoprotein(a). Blutfette also, die ab einem bestimmten Wert als Ursache für Gefäßerkrankungen und Herzinfarkte bekannt sind. Ohne Apherese würden Menschen mit solch schweren und schwersten Feststoffwechselstörungen das Rentenalter meist nicht erreichen. Sie würden in jungen Jahren an Herzinfarkt oder anderen Gefäßerkrankungen sterben.

Gegründet wurde das Apheresezentrum noch von Dr. Norbert Jung, der vor zwei Jahren in den Ruhestand ging. Dr. Jung hatte zwei Jahre zuvor schon den Grundstein für das Dialysezentrum in Mühlhausen gelegt. Bis zu diesem Zeitpunkt mussten die betroffenen Patienten bis nach Erfurt oder noch weiter fahren. Eine zusätzliche Strapaze.

Leicht ist es für Menschen mit schweren Stoffwechselstörungen und womöglich noch einer Gefäßerkrankung ohnehin nicht. Lipidsenkende Medikamente gehören zum täglichen Speiseplan, der wiederum aussieht wie aus einem Buch der Ernährungswissenschaft. Nicht immer reicht diese Behandlungsmethode aus, den Fettstoffwechsel in der überlebensnotwendigen Form zu halten. Dann kann ein Antrag auf Apheresetherapie bei der Kassenärztlichen Vereinigung gestellt werden. Eine Kommission trifft dann die Entscheidung.

Maritta Kühnl und die mittlerweile weiteren 19 Patienten des Mühlhäuser Apheresezentrums sind jedenfalls dankbar, dass ihr bei all diesem leidigen, aber unerlässlichen bürokratischen Prozedere der Antragstellung ihre behandelnden Ärzte und Schwestern helfend zur Seite stehen. Für die Patienten bedeutet die Apherese sowohl Lebenserhaltung als auch Hoffnung.

Von schweren Stoffwechselstörungen sind im Übrigen nicht nur Ältere betroffen. Die Krankheit macht auch vor jungen und ganz jungen Menschen nicht Halt. „Es ist nicht allzu schwer, diese Krankheiten zu diagnostizieren, es muss nur häufiger daran gedacht werden“, weiß Dr. Scholl aus der Praxis.

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