Eiskalt erwischt

Posted by on 3. Dezember 2010
Kraniche haben auf ihrer Flucht vor dem Winter denkbar schlechtes Reisewetter

An jenem eiskalten Winterabend horchten einige erstaunt auf: Kranichrufe erschallten durch die Luft. Über Mühlhausen, Kammerforst, Eigenrieden und Struth waren sie zu hören. Bei Temperaturen zum Teil weit unter 10 Grad Celsius, starker Bewölkung und Schnee hatten sich die Zugvögel auf die Reise gemacht und damit äußerst unangenehme Bedingungen gewählt.

Von Iris Henning

LANDKREIS.

Foto: Ralf Weise

Kranichflüge während solcher Witterungsbedingungen nennt Ornithologe Dr. Ralf Weise „äußerst selten“. Normalerweise wählten die Kraniche für ihre lange Reise Hochdruckwetterlagen mit Thermik für den Segelflug. An diesem eiskalten und stark bewölkten Reisetag mit viel Schnee habe lediglich die Windrichtung gestimmt. Die großen und relativ schweren Vögel brauchen unbedingt Rückenwind, um ihr südliches Ziel zu erreichen, also möglichst aus Nordost.

Den Aufbruch der Formation mit etwa 50 Tieren, die er über Eigenrieden beobachtete, kann sich der Wissenschaftler nur mit einer Flucht vor dem Winter erklären. Vermutlich harrten die Kraniche an den Speichern bei Straußfurt oder Kelbra aus, vielleicht auch mit dem Wunsch nach einem milden Winter, der ihnen ein Überleben in Deutschland gesichert hätte. Jedenfalls dachten sie gar nicht daran, ihre Reise anzutreten – und

Foto: Ralf Weise

wurden von der klirrenden Kälte regelrecht überrascht. Die zugeschneiten Felder machten eine Futtersuche so gut wie unmöglich. So blieb den Kranichen keine Wahl, auf besseres Wetter zu warten. Sie setzten ihre Reise nach Südfrankreich und in die Extremadura nach Spanien und Portugal fort. In diesen Winterquartieren finden sie in den Korkeichenhainen reichlich Eicheln zu ihrer Ernährung.

Ob alle Tiere dort noch ankommen, bezweifelt Dr. Weise. „Die schwachen Kraniche werden die Strapazen der Reise vermutlich nicht überstehen. Zu der Kälte kommt hinzu, dass sie wegen der Schneedecke kaum Futter finden“, sieht er die Situation als kritisch an.

Nicht nur über Eigenrieden wurden in den letzten Tagen Kraniche beobachtet. Nahe Kammerforst setzten die Vögel zur

Foto: Ralf Weise

Landung an, um auf einem Feld zu übernachten. Gesichtet wurden Kraniche auch über Mühlhausen und Struth. Sie flogen zum Teil sehr niedrig und hatten durch den Schnee und den Wind offenbar Orientierungsprobleme.

Hauptflugzeit der Reisetiere sind die Monate Oktober und November. Über 16000 Tiere zählen Beobachter alljährlich in diesen zwei Monaten über dem Unstrut-Hainich-Kreis. Vereinzelte Nachzügler sind laut Dr. Weise aber auch noch im Januar zu beobachten – allerdings bei besseren Reisebedingungen.

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