Schmerzhaftes Aufbegehren

Posted by on 7. November 2010
Zwischen gesellschaftlichem und göttlichem Recht: „Antigone“ auf der 3K-Bühne

MÜHLHAUSEN.

Düstere Bilder ziehen über die Leinwand. Soldaten marschieren in den Krieg. Gewehrfeuer mordet. Ein Flugzeug rast in das Hochaus. Es sind bekannte Dokumentar-Bilder, die vom Entsetzen künden.

Mit dieser beklemmenden, in schwarzweiß gehaltener Videoszene beginnt die 3K-Inszenierung von Sophokles‘ „Antigone“. Dramaturgisch ist das geschickt gemacht. Diese Bilder heben die Tragödie aus dem antiken Griechenland in die Jetzt-Zeit. Das Thema zwischen Vernunft und Aufbegehen, zwischen gesellschaftlichem und göttlichem Recht, zwischen Familie und Staat ist ein ewig aktuelles Thema in der Geschichte der Menschheit.

Modern wird die Inszenierung fortgesetzt. Sichtbare Technik am Bühnenrand mit einem dienernden Techniker (Nico Rudloff), Übergabe von Dokumenten im computertauglichen Format, Dialoge über Video-Verbindungen und dunkle Sonnenbrillen sind wichtige Requisiten, die die rund 2500 Jahre Zeit zwischen Sophokles und heute überbrücken. Mittels Video schafft diese Inszenierung zudem, eine Verbindung zur Antike aufzunehmen. Der Erzähler und der Chor (ein kunstvoll geschminkter Peter Wagner) scheinen geradezu aus der Sophokles-Zeit zu stammen. Als blendende Lichtgestalt erscheint der Seher Teiresias auf der Leinwand (große Überraschung: Der wird vom Stadtarchivar Dr. Helge Wittmann verkörpert).

Entsprechend Sophokles Text, an den sich diese Inszenierung hält, kommt der Seher zu spät. Das Unheil ist nicht mehr auszuhalten. Antigone (Debüt-Rolle für Anja Seitz) ist tot. Die aufsässige junge Frau hat sich ihrem Onkel, König Kreon (großartig in der Hauptrolle: Albert Sadebeck), und alle Warnungen ihrer Schwester Ismene (Sophie Pompe übergroß auf Leinwand und sehr überzeugend) widersetzt. Antigone bestattete ihren zum Verräter erklärten Bruder Polyneikes (Frank Gerbig). Äußerlich ungerührt ergibt sie sich ihrem Schicksal und nimmt ihr Todesurteil entgegen. Daraufhin nimmt sich Hämon, Sohn des Königs und Antigones Verlobter (Ralf Bube) das Leben. Diesen Kummer erträgt die Königin nicht. Zurück bleibt Kreon als gebrochener, alter Mann.

Beim Publikum bleibt tiefes Schweigen nach all dem Schrecken, ehe die Inszenierung mit langanhaltendem Premiere-Applaus gefeiert wurde. Gut gemacht.

Diese 3K-Inszenierung (Bernhard Ohnesorge und Albert Sadebeck) fordert auch geradezu heraus zum Gedankenspiel: Was, wenn Antigone auf ihre Schwester Ismene (Sophie Pompe) gehört hätte? Was, wenn der harte, aber gerecht sein wollende König Kreon Gnade gezeigt hätte? Was, wenn der Wächter (Astrid Bank) nicht so diensteifrig gehorsam wäre? Und sorgen nicht auch in der heutigen Gesellschaft religiöse Bräuche stets für heftige politische Diskussionen? Antigone ist selbst nach 2500 Jahren noch schmerzhaft zeitgenössisch.

Iris Henning

DIASCHAU

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