Ein poesievoller Sonderling

Posted by on 1. November 2010
Friedhelm Kändler begeisterte mit seinem „Kröhlmann“ das Satireherbst-Publikum

Er wohnt in Hannover, ist Dichter, Querdenker, Wort-Akrobat, Sprach-Poet, Kabarettist, Bühnenkünstler, Geschichten-Erzähler, Erfinder des WoWo und noch mehr. Jetzt sorgte Friedhelm Kändler innerhalb des Mühlhäuser Satireherbstes für Lachkaskaden in der voll besetzten Spielstätte Kilianikirche.

Von Iris Henning

MÜHLHAUSEN.

Von Kopf bis Fuß in Weiß gehüllt schreitet der Kändler hoheitsvoll auf die Bühne. Figurbetont ist das Bäuchlein des Mittfünfzigers. Dafür neigt der Kopf schon leicht zur Kahlheit. Er tut gar nicht dergleichen, seinen etwas zu reichlichen Umfang und die langsam versteppende Kopfhaut zu kaschieren. Er kommt als korpulenter Sonderling, als sich offenbarende Tunte, als der schwule Kröhlmann, der dem Publikum in 21 Kapiteln die Leiden und die Freuden des Andersseins in Hochgeschwindigkeits-Wortwitz um die Ohren haut. Er tut dies mit Liebe und Gefühl – und mit zwei „Deko-Boys“. Das sind zwei zarte Jünglinge, der eine im Elvis-Format und in hochhackigen Schuhen, der andere, kleinere, ein Typ aus 1000-und-einer-Nacht.

Das Spiel, das folgt, ist urkomisch. Da steht dieser seltsam gekleidete Mann mit seinem Gardinen-umhang auf der Bühne, angehimmelt von seinen „Deko-Boys“, und beginnt voller Poesie seinen Vers, um mittendrin abrupt die Handlung zu verdrehen. Manchmal hält er sich dabei an Wilhelm Busch, doch stets nur ein bisschen. Kändler ist selbst Sonderling genug, sich seinen eigenen Vers auf das Leben und die Menschlichkeit zu machen. Der Spaß kommt dabei nicht zu kurz. So schickt er etwa das Publikum durch nicht zugelassene Türen in die Pause, wünscht, dass es aufsteht und sich wieder setzt – oder sich widersetzt? Am Schluss weiß zwar keiner mehr genau, um was es eigentlich ging, nur dass die Sprache doch ihr eigenes Leben, ihre eigene Dynamik zu haben scheint. Egal. Es hat riesigen Spaß gemacht, diesem wortgewandten Kändler gut eineinhalb Stunden lang zuzuhören – und zuzusehen. Bei jedem Spaß und jedem satirischen Seitenhieb lächelt dieser Schalk so liebenswert, als wäre er die Mona Lisa in Person. Und auch auf eine Zugabe musste das Publikum nicht verzichten. Kändler und seine zwei Jünglinge hatten vorgesorgt: Sie reichten Obst. Auch das ist Zugabe.

Bereits zum zweiten Mal war Friedhelm Kändler Gast im Mühlhäuser Satireherbst. 2008 begeisterte er mit „Dorn“ und „Röschen“ die Gäste. Wenn alle guten Dinge drei sind und das Gesetz der Serie gilt, darf man sich wohl im Jahr 2012 wieder auf diesen bemerkens- und liebenswerten Dichter und Querdenker freuen.

DIASCHAU

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