Feuer und Flamme

Posted by on 4. August 2010
In der Eigenrieder Hof-Werkstatt von Rüdiger Hildebrandt entstehen zerbrechliche Schönheiten

Die Kunst des Glasbläsers ist eine heiße Sache. 850 Grad Celsius braucht Rüdiger Hildebrandt, um auch dem Weichglas die schönsten Formen herzustellen. Doch nicht nur die Kunst aus Glas ist faszinierend.

Von Iris Henning

EIGENRIEDEN.

Eine faszinierende Angelegenheit ist ebenfalls die Arbeit des Glasbläsers. In der Höllenhitze der Glasbläserlampe dreht er das Glas, bis es glüht und zu schmelzen scheint. Jetzt ist der Augenblick gekommen. Wie Zauberei scheint es, wenn die Glasröhren oder -stäbe durch den Atem des Glasbläsers Formen annehmen: Sie werden zur Kugel, zur Vase, zum Becher oder zur Schale. Manches Glas wird zum filigranen Gehänge, zum Goethe-Barometer oder zum lustigen Flaschenteufel.

„Glas ist etwas ganz Wunderbares. Man kann mit ihm experimentieren, Formen ausprobieren, es ist eben sehr vielseitig“, ist Rüdiger Hildebrandt immer noch Feuer und Flamme für sein Kunsthandwerk. Dem widmet sich der Elektro-Ingenieur seit 1979. Als Autodidakt näherte er sich der Kunst des Glasbläsers. 1984 machte er sich als Glasbläser mit eigener Werkstatt und Geschäft in Mühlhausen selbstständig. „Die Leute standen Schlange. Manche richteten sich in Allerherrgottsfrühe mit Campinghocker und Thermosflasche einen Warteplatz vor meinem Geschäft ein“, erinnert sich der Glasbläser an die Anfangszeit. In der DDR war die Sehnsucht nach Schönem und Erschwinglichem groß und Angebote waren rar. Rüdiger Hildebrandt und seiner Frau Christa war es allerdings stets peinlich, dass die Glaswaren nie für alle reichten, egal, wie lange sie in der Werkstatt schufteten.

Heute sind andere Zeiten. Die Sehnsucht nach zerbrechlichen Schönheiten ist schnell zu stillen. Glas ist zu einem Massenprodukt geworden. Die Kunst des Glasbläsers findet meist nur noch auf speziellen Märkten die Beachtung, die sie verdient. Rüdiger Hildebrandt und seine Frau Christa haben sich darauf eingerichtet, mit einer mobilen Glasbläserei zwischen der Ostsee und den Alpen unterwegs zu sein. Die nächsten Termine sind in Marburg und in Berlin. „Wenn die Leute sehen, wie viel Arbeit in so einem Glas, einer Kugel oder Trinkbecher steckt, haben sie später eine ganz andere Beziehung dazu“, sagt der Glasbläser. Manche kommen dann mit speziellen Wünschen, etwa Kelche oder Glasbecher nach historischen Vorlagen oder Weingläser nach individuellen Vorstellungen.

Gern erinnert sich Rüdiger Hildebrandt auch an die vielen Ausstellungen, an denen er bereits beteiligt war, so in Göttingen, Dortmund, Kassel, Berlin, Rotenburg und Spyer sowie im Museum in Mühlhausen und im Rittersaal auf der Creuzburg. Auch in der französischen Partnerstadt von Mühlhausen, in Tourcoing, fanden seine filigranen Kunstwerke große Beachtung. Zu den prominentesten Gästen in seinem Atelier zählte die frühere Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth. Sie war besonders von einer bestimmten Art von Kugeln begeistert. Farbige Verzierungen, die wie kleine Figuren wirken, sind nicht Außen angebracht, sondern schimmern aus dem Inneren der Kugel. Auf diese Kugeln hat der Glasbläser sogar einen eigenen Musterschutz beim Patentamt. „Frau Süssmuth hat 30 Stück von diesen kleinen Kunstwerken bestellt“, ist der in Eigenrieden lebende Glasbläser noch heute stolz.

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