Schmuckstück im Dorf

Posted by on 26. Juli 2010

In immer mehr Höfen sagen sich Natur und Architektur mittlerweile Guten Tag. Was einst als Wirtschaftsfläche und -gebäude geplant und angelegt wurde, ist vielen Menschen heute die lustvolle Verlängerung der persönlichen Wohnräume. Höfe verwandelten sich besonders in den letzten Jahren zu grünen Oasen der stillen Lebensfreude und zu Stätten der Begegnung für die ganze Familie, mit Freunden und Bekannten. Einblicke in diese meist versteckten Refugien hinter den Häusern will diese Serie geben.

Von Iris Henning

BOLLSTEDT.

Wer durch die Toreinfahrt in den heutigen Pfarrhof von Bollstedt kommt, betritt historisches Pflaster, sogenanntes Katzenkopfpflaster. Pferdefuhrwerke ruckelten einst lärmend durch diese Toreinfahrt, brachten Lasten: Kartoffeln zur Einkellerung, Säcke voller Getreide und Futter für die Tiere, zum Beispiel. Unter der vermutlich mehr als 250-jährigen Beanspruchung hat sich Pflaster stöhnend gewölbt. Das ist das Erbe.

Worüber vor noch nicht einmal 20 Jahren die Nase verächtlich gerümpft wurde, ist heute zur bewunderten Rarität geworden. „Ein wunderbares Pflaster, wie es nur noch selten zu finden ist“, schwärmen Gartenexperten wie Dieter Stauch und Dietrich Hose, die den Bollstedter Pfarrer-Hof, auf dem Matthias und Annett Reißland seit etwa zwei Jahrzehnten leben, längst für die seit drei Jahren in Mühlhausen und Umgebung stattfindenden Tag der offenen Gärten entdeckt haben.

Ställe und Scheune gibt es allerdings längst nicht mehr. Die bis zur Hässlichkeit heruntergekommene Scheune war nicht mehr zu retten. Sie wurde abgerissen. Von dem grauen Etwas sind nur noch Fotos geblieben. Diesem ausgedienten Gebäude trauert vermutlich keiner nach, wohl auch nicht dem scheußlichen Plumps-Klo. An den ursprünglich bäuerlich genutzten Vier-Seitenhof erinnern heute nur noch das Haupthaus und ein Seitenflügel. Im Jahr 1744 wurde das stolze Haupthaus errichtet, der Seitenanbau etwa 100 Jahre später, wissen die Reißlands aus der Chronik des Hauses.

Als sie im Februar 1989 als junges Paar eingezogen sind, war von dem früheren Bauernstolz allerdings nicht viel übrig. Der Putz bröckelte in Batzen von den Wänden, unansehnlich waren die Balken, jegliche Farbe hatte sich längst verabschiedet. Nein, es war kein einladendes Haus, kein einladender Hof. Aber immerhin hatten sie das Glück an ihrer Seite. Bollstedt wurde in das Dorferneuerungsprogramm aufgenommen. So gab es auch für das historisch wertvolle Bauwerk im Zentrum des Ortes Fördermittel. Damit, mit der unentgeltlichen Hilfe vieler aus dem Dorf und mit eigner Kraft und Geschick wurde Schritt für Schritt wieder ein Schmuckstück geschaffen und ein Hof, in dem sich historische Architektur und Natur begegnen.

Genutzt wird der mit Blumen geschmückte Hof nicht nur von den Reißlands. Das Tor steht oft offen. Gastfreundlich zeigt sich der Hof. Bänke laden ein, Platz zu nehmen. Unter dem alten Laubengang zu sitzen oder nahe der alten Kastanie ist Freude pur, nicht nur für die Augen, sondern auch für die Ohren. Wenn die Kastanie blüht, summt und brummt es in dem Baum. Vögel geben Konzerte. Auch die exotisch anmutenden Flötenvariationen des Pirols sind zu hören.

Die Reißlands haben mit diesem Hof ein kleines Paradies für die Gemeinde geschaffen. Nur auf die Idee, mit Stöckelschuhen einzutreten, sollte niemand kommen. Wegen des holprigen Katzenkopfpflasters, über das einst die Pferdefuhrwerke emsig ratterten.

DIASCHAU

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