Der Geigenbauer

Posted by on 9. Januar 2010

Besenbinder und Scherenschleifer, Töpfer und Schmied, Seiler und Korbflechter: Einst waren deren Zünfte in hiesiger Region weit verbreitet. Heute sind diese und andere traditionelle Handwerke rar geworden. Diese Serie soll eine kleine, exklusive Führung durch das vielfältige Spektrum der Handwerkskunst im Unstrut-Hainich-Kreis sein und will typische Produkte und Handfertigkeiten vorstellen. Sie will ein Stück der Faszination der Arbeiten und der Vielfalt der Ideen einfangen, so in der Werkstatt des Geigenbauers Karl-Heinz Schwarz aus Mühlhausen.

Von Iris HENNING

MÜHLHAUSEN.

Die berühmten Geigenbauerfamilie Stradivari kennt auch heute noch beinah jeder. Sie fertigte im 18. Jahrhundert mit viel Liebe Streichinstrumente, die heute zu den teuersten und begehrtesten „Mozart-Geigen“ der Welt zählen. Noch heute gibt die „Stradivari“ aus dem Jahr 1716 die Form für den klassischen Geigenbau vor. Sie ist auch für den Mühlhäuser Karl-Heinz Schwarz der Prototyp. Die taillierte Innenform nennt er das Herzstück für den Geigenbau. Nach diesem Modell fertigt er den Zargenkranz, der später Boden und Decke der Geige verbindet. In aufwendiger Feinarbeit bekommen dieses Oben und Unten ihre leicht gewölbte Form. So entsteht ein klangvoller Resonanzkörper, erklärt der Geigenbauer. Mit niedlichsten Hobeln, die aus einer Puppenstubenwerkstatt zu stammen scheinen und sich zwischen Daumen und Zeigefinger des Meisters verstecken, trägt Karl-Heinz Schwarz Millimeterchen um Millimeterchen von dem zurechtgeschnittenen Holz ab. Ehe er allerdings so weit ist, hat er schon viele Stunden Zeit in den Geigenbau investiert. Schon die Auswahl des Holzes erfordert Wissen. „Das Holz muss mindestens zehn Jahre abgelagert sein“, so Schwarz. Für den Boden braucht er Ahornholz, für die Decke Fichte. Und nicht irgendwo sollen einst die Material liefernden Bäume gestanden haben, sondern in alpiner Höhe. Der langsamere Wuchs in der rauen Gegend macht das Holz härter, klangvoller.

Die Härte des Holzes macht es dem Geigenbauer aber nicht einfacher, die notwendigen technischen Details zu wahren Schmuckelementen zu gestalten. Für die F-Löcher, die wie stilisierte Notenschlüssel die Decke zieren, braucht es eine ordentliche Portion Geschicklichkeit. Mit einem scharfen Messer arbeitet sie Karl-Heinz Schwarz heraus. Die F-Löcher haben nicht nur Auswirkungen auf den späteren Klang des Instruments. Sie sollen vor allem auch gut aussehen. Sie sind der Stolz, das Markenzeichen eines jeden Geigenbauers. Ebenso die filigrane Umrahmung der Decke mit Intarsien. Die so erzeugte besondere Härte des Rahmens schützt das wertvolle Instrument zudem vor ungewollten Schlägen.

Neben Konzentration und Geschicklichkeit im Umgang mit Holz und Werkzeug braucht der Geigenbauer vor allem viel Erfahrung und ein gehöriges Maß an innerer Ruhe. Bassbalken und unterer Steg wollen akribisch genau an richtiger Stelle im Inneren der Geige sitzen. Griffbrett und Saitenhalter, Wirbel mit Schnecke und Endknopf für den Saitenhalter, Kinnhalter und Wirbel wollen perfekt angebracht werden. Und auch die Lackierung der Geige ist das hohe C. Solide Kenntnisse über Lackiertechniken sind unerlässlich. Karl-Heinz Schwarz schwört auf Propolis, ein von Bienen produzierter Kittharz, zur Grundierung, ehe mehrfach ein spezieller Öllack aufgetragen wird. Ein goldgelber Glanz soll immer noch durchschimmern.

Wie viele Stunden Karl-Heinz Schwarz für eine Geige braucht, weiß er nicht. Es spielt keine Rolle für ihn. Der pensionierte Gärtner muss nicht leben von diesem Handwerk, das er autodidaktisch gelernt hat. Geigen baut er für sich zur Freude. Ehe die Mühsal aber zur Freude wurde, ist er von Geigenbauer zu Geigenbauer gefahren, um mehr zu lernen, als die Fachbücher preisgaben. Einfach war es nicht, erzählt er. Die Meister hüten ihre Berufsgeheimnisse. Doch mit Freundlichkeit und Ausdauer rang er doch Quäntchen um Quäntchen altes Meisterwissen ab.

Eine Geige, wie sie die Geigenbauerfamilie Stradivari einst baute, wird Karl-Heinz Schwarz wohl nicht bauen können. „Aber wenn mein Sohn auf einer meiner Geigen spielt und zufrieden mit dem Klangbild ist, dann bin ich glücklich.“

DIASCHAU

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