Geheimnisvolle Trichter

Posted by on 23. Juni 2009

Manchmal muss man die Niederungen der Alltagswelt einen Augenblick hinter sich lassen, um wieder frische Kraft schöpfen zu können. Um einen Moment innezuhalten, muss man nicht gleich die Urlaubskoffer packen. Auch im Unstrut-Hainich-Kreis kann man sich von der Wunderwelt der Natur faszinieren lassen. Zudem gibt es zahlreiche Naturdenkmale, die einen Abstecher wert sind. Wanderwege, die zu Naturdenkmalen führen, sollen in dieser Serie vorgestellt werden. Ein potenzielles Naturdenkmal, das vermutlich so manchem zu denken gegeben hat, ist der Erdfall nördlich von Dachrieden, im „Hegeholz“ gelegen.

Von Iris HENNING

DACHRIEDEN.

Die Dachriedener erinnern sich nicht. Wann einst die Erdfälle entstanden sind, weiß niemand genau zu sagen. „Da habe ich schon als Kind gespielt“, erinnern sich die Alten. Nicht an dem einen, im kleinen Laubwäldchen, das „Hegeholz“ genannt wird. Beinah senkrecht stürzen in diesem die Abbruchwände zwölf Meter in die Tiefe. Aber in den anderen Erdfällen, die sich ihr Nest in den Boden gebaut haben, schon.

Es muss mächtig gerumst haben einst, als der Boden hier nachgab und sich um die zwölf Meter tiefer gestürzt hat. Um die zwanzig bis fünfundzwanzig Meter misst der Durchmesser dieser Doline, wie Fachleute einen Erdfall nennen. Die Dachrieder Erdfälle sind dabei nicht die größten. Solch eine schüsselförmige Senke von meist rundem oder elliptischen Grundriss in Karstgebieten können Durchmesser bis zu 200 Metern, ja sogar bis zu mehreren Kilometern aufweisen und eine Tiefe bis zu 300 Meter erreichen. Im Vergleich zu diesen Giganten, wie sie in Sarisariama-Tepui in Venezuela und Stano del Barro in Mexiko zu finden sind, sind die Dachriedener Erdfälle nur kleine Launen der Natur. Doch in bewohntem Gebiet würde auch diese kleine Laune ausreichen, einen ganzen Häuserblock oder Bauernhof verschwinden zu lassen. Vor gut zehn Jahren hat es ein Stück Bahndamm in der Gegend um Dachrieden „erwischt“.

Im Hegeholz lässt nun die Natur Bäume und Sträucher aus der Senke wachsen, als wäre nichts geschehen. Nur in der einen Doline noch nicht. An den senkrechten Wänden scheint sich nichts festhalten zu können. Geradezu unheimlich wirkt dieser Krater, auf den man so unverhofft trifft.

Solche eigenartigen Trichter, so erklären die Geologen, bilden sich durch das Einstürzen unterirdischer Hohlräume, die teils hunderte Meter unter der Erdoberfläche liegen und sich zuvor durch das Auflösen von wasserlöslichem Gestein oder durch das Ausspülen von Lockermaterialien entwickelt haben. Nur eine Frage der Zeit sei es, bis sie dem Druck der darüber liegenden Schichten nachgeben müssen. Wie in Dachrieden. Ein solcher Trichter im Hegeholz – der mit den senkrechten Wänden – hat zumindest das Potenzial, zu einem Naturdenkmal erklärt zu werden. Sehenswert sind diese Erdfälle, diese rätselhaften Riesenlöcher, allemal. Aber Vorsicht: Sie sind nicht gesichert und es geht steil bergab.

Ein sehr reizvoller Weg führt zu diesen Erdfällen: durch das Naturschutzgebiet Flachstal.

In Reiser, am Wirtshaus „Falchstal“ beginnt die etwa zwölf Kilometer lange Rundtour. Der gelbe Balken auf weißem Grund ist das begleitende Wanderzeichen, das durch das einmalig schöne, naturbelassene Tal bis nach Kaisershagen führt. ber grasbewachsene Hügelchen und harmlose Bächlein führt der Weg. Endlos möchte man so unbeschwert wandern. Doch nach einer guten Zeit ist Kaisershagen, das kleine schmucke Dörfchen, erreicht. Einen Augenblick geht es auf der Hauptstraße entlang, bis nach links der „Lange Weg“ abbiegt und schon wieder heraus aus dem Ort führt. Der sich anschließende, nach rechts biegende Feldweg gibt nun einen fantastischen Blick über das Mühlhäuser Becken frei. Umliegende Dörfer liegen in der Ferne und geben Namensrätsel auf: Oberdorla oder Langula, Hüpstedt oder Eigenrode? Und während man noch in Gedanken die Heimatkunde-Landkarte ausrollt, sind linker Hand schon die zwei kleinen Laubwäldchen von Dachrieden auszumachen. Im oberen Hegeholz haben sich die Erdfälle versteckt. Sie zu finden ist nicht schwer, so groß ist das Wäldchen nicht. Hat man nun ausreichend über diese Laune der Natur gestaunt, geht es weiter Richtung Dachrieden. Der wie ein Zeigefinger in die Höhe ragende alte Farbikschornstein weist den Weg. Als Künstlerdorf empfängt Dachrieden den Wanderer: Eine großformatige Skulptur grüßt am Wegesrand. Hier muss ein Meister der Holzveredlung am Schaffen gewesen sein. Bis zur Hauptstraße gibt es noch so einiges zu bewundern und das ist bei weitem noch nicht alles.

Zurück zum Ausgangspunkt führt nun der als Unstrutradweg ausgewiesene Weg. Und auch der ist eine Freude für Wanderer: Durch das idyllische Reisersche Tal geht es die letzten Kilometer.

Tipps zur Tour

In Reiser, am Wirtshaus „Flachstal“ beginnt die etwa zwölf Kilometer lange Rundtour. Der gelbe Balken auf weißem Grund ist das begleitende Wanderzeichen bis Kaisershagen. ber den „Langen Weg“ wird dort die Richtung nach Dachrieden eingeschlagen.

Die Gehzeit für die Strecke beträgt etwa vier Stunden.

Besondere Anforderungen stellt die Tour an die Wanderer keine, allerdings ist etwas Ausdauer gefragt. Etwa 154 Höhenmeter sind zu bewältigen. Die maximale Steigung beträgt dabei 21 Prozent.

Die Strecke ist gut ausgeschildert. Eine Wanderkarte im Maßstab 1 : 50 000 ist trotzdem zu empfehlen. Obwohl das Wäldchen „Hegeholz“ nicht sehr groß ist, haben sich die Erdfälle dort gut versteckt. Die Trichter, die teils schon wieder vom Wald bewachsen sind, haben eine beeindruckende Größe.

Von Dachrieden führt der ausgeschilderte Unstrut-Radweg durch das schöne Reisersche Tal zurück nach Reiser.

Einkehrmöglichkeit gibt es in Dachrieden und in Reiser reichlich. Eine Brotzeit aus dem eigenen Rucksack schmeckt am Grillplatz im Reiserschen Tal.

(Quelle: R. Weise, U. Fickel, R. Halle, W. Hochstrate, E. Lehnert, R. Faupel, R. Kaiser: „Naturdenkmale im Unstrut-Hainich-Kreis“)

DIASCHAU

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