In luftiger Höhe

Posted by on 18. Mai 2009
Klettertraining mit Herzklopfen und schlotternden Knien

Ich schwebe zwischen Himmel und Erde. Vor mir die Felswand. Ich stürze nicht ab. Ich sitze im Gurt und lasse mich langsam, Meter um Meter runter. Und, kaum zu glauben: Ich genieße den Augenblick. Vor ein paar Minuten hatte ich noch schweißnasse Hände, das Herz raste, die Nackenhaare sträubten sich: Da hinunter? Niemals!

OKERTAL.
Unkomplizierter Kontakt mit den Felsen, bestens geeignet für Kletteranfänger. Das liest sich gut. Der Zwei-Tage-Kurs im Harz sollte mir helfen, mich auf auf die Zehn-Tages-Tour im Sommer vorzubereiten. Einen Höhenwanderweg in den Alpen mit einigen Klettersteigen steht auf dem Urlaubsprogramm. Von Hütte zu Hütte wird es gehen. Das Dumme ist nur: Ich habe verdammte Höhenangst. Schon beim Blick aus der dritten Etage wird mir schwindelig. Trotzdem: Ich will es wagen, will den Kampf aufnehmen gegen mich selbst. Tapfer und vermeintlich todesmutig lasse ich mich an das Seil knüpfen. Der Felsen? Der ist ja ein Witz, mache ich mir Mut. Guck da, der Senior nebenan, wie der in nullkommanichts hochsteigt. Sieht gar nicht schlimm aus. Nach meinen eigenen ersten drei Metern in die Höhe und Blick nach unten klebe ich an der Wand. Nichts geht mehr. „Zu“ und „Ab“ gebe ich die gelernten Bergsteigerkommandos an meinen Sicherungsmann. Behutsam lande ich auf dem Boden. Zum Schluss des zwei-Tages-Kurses soll jeder in der Lage sein, in einer Seilschaft die Vierzig-Meter-Wand, die Marienwand an der Oker im Harz, zu erklimmen, den Grat zu überschreiten und sich abzuseilen, erklärt Bergsteiger und Kletterführer Olaf. Sein Vertrauen in unsere Gruppe ist anspornend. Wie ich das allerdings schaffen soll, ist mir ein Rätsel. Na und, wenn du es nicht schaffst, geht die Welt auch nicht zugrunde, flüstern meine Bleib-schön-ruhig-Gedanken. Du setzt dich hier hin, genießt den Ausblick, die Landschaft und das schöne Wetter. Nichts da, streite ich mit mir. Du willst schließlich den Höhenwanderweg schaffen, musst für Stunden eine sichere Klettersteiggeherin sein. Reiß dich zusammen! Während die anderen aus der Gruppe dran sind, den Aufstieg zu proben, übe ich mit den am Boden Gebliebenen fleißig die Knoten, die uns mit dem lebenssichernden Seil verbinden sollen. Und beim nächsten Kletterversuch geht’s schon besser: Stück für Stück klettere, hangele und stemme ich mich ungelenk hoch. Das Herz klopft im Hals und ich keuche nach Luft. Verdammte Angst. Zehn Meter habe ich geschafft, blicke nach unten und fange an zu staunen: kein Schwindelgefühl! Das belohne ich mit noch ein paar Meter Quälerei in die Höhe, bis ich „Zu“ und „Ab“ rufe. Am Mittag des zweiten Tages gelingt das Unglaubliche: Olaf nimmt mich in die Seilschaft und dirigiert mich geduldig die gesamte Vierzig-Meter-Wand hoch. Ich bin sicher und ruhig. Oben genieße ich den Ausblick auf das Okertal und die einmalig schöne Harz-Landschaft. Denn das Schlimmste steht mir noch bevor: Das Sich-selber-Abseilen. Der Bergsteiger ist gnädig mit uns. Er wählt einen kleineren Felsen. Gedrängelt wird niemand. „Nur wer sich traut“, sagt er. „Aber ihr könnt es alle schaffen“, macht er Mut. Nur drei trauen sich. Ich bin dabei, klebe nun am Felsen und frage mich, was mich getrieben hat, mit hinauf zu kommen. Der Schweiß klebt mir auf der Stirn, die Knie schlottern. „Jetzt geht’s los“, sagt Olaf. Ich reagiere mechanisch, lege meine Hände an die zugewiesen Stelle am Seil und lasse mich Stück für Stück hinab. Nun schwebe ich zwischen Himmel und Erde, werde ganz ruhig und genieße den Augenblick. Unten angekommen, könnte ich die ganze Welt umarmen und besonders Olaf, den geduldigen Bergsteiger, der noch oben auf der Spitze hockt und mir freudig zuwinkt. Ob ihm mein Umarmung gefallen würde, weiß ich nicht. Ich bin fünfzig, könnte fast seine Mutter sein. Mein Mann klopft mir kameradschaftlich auf die Schulter: „Gut gemacht“. Ich strahle ihn an. „Jetzt können wir in den Himalaja, zum Basislager des Mount Everest“, scherze ich. Die Augen meines Mannes fangen an zu funkeln.

Meine Höhenangst ist nicht weg. Die werde ich wohl nie los. Aber ich weiß nun, dass ich sie bezwingen kann. Kletterkurse für Anfänger werden auch im Thüringer Wald angeboten.
(www.carpediem-reisen.de)

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One Response to In luftiger Höhe

  1. Olaf

    Hallo Iris & Peter,
    ich freue mich, dass es euch so gut gefallen hat. Deine Art zu schreiben ist prima; sehr lebendig. Als Heldin dieser Geschichte hättest Du mich ruhig umarmen können – Mutter :).
    Vielleicht treffen wir uns bei einem neuen Bergerlebnis wieder. Auf Bergabenteuer hingegen, verzichte ich gern, da spielt die Versicherung nicht mit und die Luft, die man durch Gitter atmet, soll der Bergluft doch um einiges nachstehen.

    Beste Grüße
    Olaf

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