Zwei 500-Jährige

Posted by on 16. April 2009
Natur erleben: Alte Eichen am Wegrand zum Waldgebiet Hollau

Manchmal muss man die Niederungen der Alltagswelt einen Augenblick hinter sich lassen, um wieder frische Kraft schöpfen zu können. Um einen Moment inne zu halten, muss man nicht gleich die Urlaubskoffer packen. Auch im Unstrut-Hainich-Kreis kann man sich von der Wunderwelt der Natur faszinieren lassen. Zudem gibt es zahlreiche Naturdenkmale, die einen Abstecher wert sind. Schöne Wanderwege, die zu Naturdenkmalen führen, sollen in dieser Serie vorgestellt werden. Vom Kloster Anrode führt heute ein Weg durch die Hollau zu zwei 500-jährigen Eichen.

Von Iris HENNING

ANRODE
Viele Dörfer haben so genannte tausendjährige Eichen oder Linden, die bei näherer Untersuchung diesen Anspruch meist nicht erfüllen. Die Altersdaten sind meist Schätzung oder berlieferung, nur wenige einzelne Bäume sind anhand von Quellen oder Kernbohrung verlässlich altersbestimmt. Nur geschätzt ist auch das Alter der zwei alten Eichen nördlich vom Kloster Anrode am Wegrand zum Waldgebiet Hollau. Etwa 500 Jahre alt sind sie, meinen die Experten. 1941 wurden diese Baumveteranen unter Naturschutz gestellt. Damit sind die zwei alten Eichen zwar nicht die ältesten ihrer Artgenossen in Thüringen, aber immerhin zählen sie mit ihren gesammelten Jahresringen zur Kategorie der großen und alten Bäume Mitteleuropas und sie haben als Naturdenkmale gute Chancen, noch einige hundert Jahre weiter leben zu dürfen.
Damit geht es ihnen weit besser als den meisten Bäumen in der Hollau. In dem vom Forstwirtschaft geprägten Waldgebiet dürfen die nur davon träumen, einmal so alt und berühmt zu werden. Ein erholsamer Flecken ist die sanft hügelige Hollau dennoch. Ihre schönste Frühlingpracht hat sie derzeit ausgerollt. Goldstern und Veilchen, Himmelschlüssel und Buschwindröschen blühen um die Wette. Ein guter Ausgangspunkt, durch die Hollau zu den alten Eichen zu gelangen, ist das Kloster Anrode. Im gemütlichen Gang lässt es sich gut an den Klosterteichen vorbeischlendern, in denen Frösche und Kröten derzeit eifrig Hochzeit feiern und dicke Karpfen ihre Runden drehen. In einen breiten Weg mündet der Klosterpfad und nun ist der erste Spürsinn gefragt. Der Wegweiser liegt am Boden und streckt orientierungslos seine Hinweise in den Himmel. Also muss die Wanderkarte herhalten. Am Bachbett der Luhne entlang, meint die. Also gut. Hier ist aber vermutlich schon lange keiner mehr lang gegangen, eher gefahren. Spurrinnen haben sich in den Waldboden gegraben. Die sind aber auch das einzige, die das hier gefundene Idyll trüben. Doch irgendwann hören auch die Rinnen auf und ein schmaler und immer schmaler werdender und kaum zu erkennender Pfad lässt den Verdacht aufkeimen: Ich habe mich verlaufen. Gefundene Bänke beruhigen: Es muss ja doch ein Wanderweg sein. Wo sollen sonst die Sitzgelegenheiten herkommen? Und überhaupt: Laut Karte geht’s am Bach lang, da kann man ja nichts falsch machen, auch wenn ein Pfad kaum mehr zu erahnen ist. Urplötzlich findet man sich dann auch auf einem breiten, geschotterten Weg wieder und auch die Wegweiser sind verlässlich geworden: Zu den alten Eichen geht es da lang, dem roten Dreieck folgend. Spätestens hier wird klar: Der eben gegangene Wanderweg ist ein verlassener, ein alter. Es gibt einen neuen: unbeschwerlich und breit führt er durch die Hollau. Ich bin froh, die ältere Wanderkarte zu haben. Den idyllischen, wie verwunschen wirkenden Weg entlang der Luhne möchte ich nicht missen, auch, wenn über manchen quer liegenden Baumstamm geklettert werden musste. Die kleine Rast unter den alten Eichen mit Brotzeit aus dem Rucksack habe ich mir verdient, ehe der kurze, gut einen Kilometer lange Rückweg zum Kloster Anrode gegangen wird. Und was macht es, wenn es nicht die ältesten Eichen sind: Alltäglich ist es dennoch nicht, unter den 21 und 22 Meter hohen Bäumen als Menschenzwerg zu sitzen und sein kleines Mahl zu genießen und an die Geschichte zu denken, die diese Bäume als stumme Zeugen erlebt haben. Ihre Kindheitswurzeln reichen bis vor den Bauernkrieg.

Tipps zur Tour

Ausgangspunkt für diese etwa acht Kilometer lange Rundwanderung ist der kleine Parkplatz am Kloster Anrode. Von 1274 bis 1810 war es Nonnenkloster. Danach wurde es vorwiegend landwirtschaftlich und ab 1950/51 auch industriell genutzt. Seit 1994 gehört es der Gemeinde Bickenriede. Seit dem wird es Stück für Stück restauriert. Ein Förderkreis hat es sich zur Aufgabe gemacht, das ehemalige Zisterzienserkloster zu erhalten und einer neuen Nutzung zuzuführen.
Die Gehzeit für die Tour beträgt etwa zwei bis zweieinhalb Stunden. Zusätzliche Zeit sollte für die Besichtigung der Klosteranlage eingeplant werden.

Besondere Anforderungen an die Wanderer gibt es eigentlich keine. Lediglich entlang des Bachlaufes gibt es kleinere Hindernisse zu überwinden, was Kindern wohl besonders viel Spaß bereiten wird. Festes Schuhwerk ist empfehlenswert. Während der acht Kilometer sind etwa 146 Meter Höhenunterschied zu bewältigen.

Ein Erlebnis für die ganze Familie kann der einmal im Monat stattfindende Tier- und Bauernmarkt auf dem Klostergelände sein. Der findet von März bis Oktober immer am zweiten Samstag im Monat statt, der nächste also am 9. Mai.

Einkehrmöglichkeit gibt es an den Wochenenden in der historischen Gaststätte im Bickenrieder Torhaus, direkt am Kloster. Doch die weist keine genauen ffnungszeiten aus. Wer auf Nummer sicher gehen will, nimmt sich lieber eigene Verpflegung mit. Gute Rastplätze sind unter den alten Eichen und auch vor dem Kloster zu finden.
(Quelle: R. Weise, U. Fickel, R. Halle, W. Hochstrate, E. Lehnert, R. Faupel, R. Kaiser: „Naturdenkmale im Unstrut-Hainich-Kreis“)

DIASCHAU

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