Geschichte in der Spinnbahn

Posted by on 3. März 2009
Museum erzählt, woher der Name Seilerstadt kommt und was ein Hechelmann zu tun hatte

Da muss man aufpassen wie ein Hechelmann. Woher diese Redewendung stammt, ist im Schlotheimer Seilermuseum zu erahnen. Dort gibt es Hecheln, die gefährlicher aussehen als das Kissen eines Fakirs. Das Seilermuseum, das sich in einem typischen Gebäude einer Spinnbahn befindet, bewahrt ein Stück Geschichte Schlotheims auf. Die des Hechelmannes gehört dazu.

Von Iris HENNING

SCHLOTHEIM.
Ein Handwerk brachte der Kleinstadt einen Beinamen. Der Hechelmann stand dafür nicht Pate. Zum Glück. Die Assoziation des Durchhechelns, des üblen Geredes, hätten die Schlotheimer wohl auch nicht verdient. Die Seiler waren es, die ihren Berufsstolz zum Namensgeber machten. „Seilerstadt“ wird Schlotheim auch heute noch gern genannt. Doch der Beiname ist heute fast nur noch Erinnerung als Wirklichkeit. Von einstigen Hunderten Seilern, die in der Stadt ihr Ein- und Auskommen hatten, sind nur noch zwei geblieben. Verschwunden sind auch die meisten der Spinnbahnen, wie die lang gestreckten typischen Fachwerkgebäude hießen, die bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Bild der Kleinstadt prägten. Einige wenige kümmern im sichtlichen Verfall dahin. Niemand schient da, sie retten zu wollen. Sie sind Opfer der schnelllebigen Zeit geworden, wurden Ende des 20. Jahrhunderts überrollt von preiswerter Konkurrenz. Nur eine Spinnbahn hat überlebt und es geschafft, sich zu einem ansehnlichen und angesehenen Gebäude herauszuputzen. Gearbeitet wird in dieser Spinnbahn aber auch schon lange nicht mehr. Sie wurde vor zehn Jahren zum Museum für ein Stücks Handwerks- und Industriegeschichte und damit zur Rettungsinsel vieler Gerätschaften und Maschinen, die ein Jahrzehnte langes schweres Arbeitsleben hinter sich haben. Flachsbreche und Hechler, Garnwinde und Handseilerei, Seilschlagmaschine und Handwebstuhl fanden in der Spinnbahn ihren Alterssitz samt aufmerksamen Pflegepersonal. Das sind die Mitglieder des „Vereins der Freunde der Geschichte Schlotheims und des Seilermuseums“, der sich selbst kurz Geschichtsverein nennt. Sie kennen sich aus mit der ausgedienten Technik. Mancher von ihnen hat schließlich an diesen Maschinen das Seilerhandwerk erlernt, wie Kurt Hohnstein zum Beispiel. Damals einer von Hunderten Seilern ist er heute einer der Wenigen des vom Aussterben bedrohten Handwerks. Wenn es aber dieses Handwerk irgendwann nicht mehr geben wird, dann sollen wenigstens die Maschinen und die Spinnbahn von der Geschichte der Vorfahren und der Geschichte der Stadt erzählen, meint auch Erik Eisfeld, der das Museum An der Mühle betreut und Führungen anbietet. Dann werden auch die Maschinen für einige Minuten aus ihrem dösigen Dasein geweckt. Mit Gesumm und Getöse machen sie sich lustvoll daran, Fäden, Stricke und Seile zu produzieren, Netze zu stricken und Gurte zu weben wie in den alten, noch nicht vergessenen Zeiten. Ist Kurt Hohnstein da, zeigt der Profi, wie durch die Kunst des Verspleißens ein Endlosseil entsteht, wie es beispielsweise für Boxringe gebraucht wird. Für Staunen sorgen auch jedes mal seine geschickt angefertigten Knoten, die oft die Zierde eines Seil-Handlaufs sind.

Solche anschaulichen Museumsführungen sind mittlerweile gefragt. Manchmal kommen so große Gruppen, dass sich Hohnstein und Eisfeld Verstärkung heranrufen müssen. Egon Scherzberg und Aribert Wirth eilen dann herbei, steigen in die alte Welt der Seiler und lassen, gleich ihrer Kollegen, das Museum lebendig werden. Und manchmal bekommen die kleineren Gerätschaften wie das Handseilergeschirr auch Ausgang. Auf Handwerkermärkten sind die Schauvorführungen der Seiler sehr gefragt. Im nächsten Monat geht es nach Gierstädt.
So weit müssen Interessierte aus dem Unstrut-Hainich-Kreis nicht fahren. Das Seilermuseum An der Mühle 5 hat dienstags von 13 bis 17 Uhr geöffnet. Nach Absprache mit Erik Eisfeld (036021 92438 oder 036021 80566) können auch Termine für Besichtigung und Vorführung vereinbart werden. Anekdoten, etwa über den Hechelmann, sind inklusive.

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