Die Zählung der Schmetterlinge

Posted by on 11. Juni 2013

Werner Schäfer aus Mühlhausen beobachtet seit mehr als sieben Jahrzehnte die kleinen Flugsubjekte

Von Iris Henning

Mühlhausen. Sie tragen solch klangvolle Namen wie Großer Schillerfalter, Schachbrett, Kleiner Fuchs, Landkärtchen oder Kaisermantel. Im Mühlhäuser Gebiet gab es um das Jahr 1900 nachweislich noch 104 Tagfalterarten. Doch immer weniger von ihnen flattern über die Wiesen, durch Gärten und über Feldränder. Aktuell können derzeit nur noch 80 Arten nachgewiesen werden. Werner Schäfer kennt sie alle mit Namen und Eigenschaften: von Admiral bis Zitronenfalter reicht sein Schmetterlings-Alphabet. Er kennt ihren schnellen Schwirrflug und ihr langsames Flattern und Gleiten.

Der heute 84-Jährige hat sich mit Leidenschaft der Insektenkunde, speziell der Beobachtung der Tagfalter

Werner Schaefer

Oft auf den Wegen im Mühlhäuser Stadtwald unterwegs: Werner Schäfer. Mit seinen Foto-Text-Collagen will er auf die Vielfalt der Schmetterlingswelt aufmerksam machen. Foto: Iris Henning

verschrieben. Seit seinem 12. Lebensjahr ist der Mühlhäuser immer, wenn es die Zeit erlaubt, dort unterwegs, wo er Schmetterlinge anzutreffen hofft: an Wald-, Feld- und Wegesrändern. Längst ist er im Landkreis als ein Experte bei der Bestimmung der Schmetterlinge gefragt. So wird Werner Schäfer auch zu Rate gezogen, wenn es im Nationalpark Hainich mal wieder Flugobjekte zu bestimmen sind. Etwa 800 verschiedene Schmetterlinge sind das mittlerweile. Die einen, wie das Tagpfauenauge oder der Admiral, sind auffällig bunt, die anderen, wie der Zitronenfalter oder der Kohlweißling etwas bescheidener im Farbkleid.

Werner Schäfer bestimmt die Schmetterlinge mit Hingabe. Und bekommt doch einige Sorgenfalten auf die Stirn, wenn er auf seine Forschungsergebnisse blickt. „Weil ich über die Jahre beobachte, dass die Artenvielfalt schwindet“, sagt er und verweist auf seine akribisch geführten Aufzeichnungen über jede Exkursion, die er mit noch älteren Daten vergleicht. So siedelten um 1900 im Mühlhäuser Stadtwald nachweislich 52 Tagfalterarten. Der aktuelle Bestand zählt nur noch 34 Arten. „18 Arten gelten als verschollen oder ausgestorben“, beklagt Werner Schäfer.

Den Grund für das Verschwinden erklärt er so: Schmetterlinge reagieren sehr empfindlich und schnell auf Veränderungen in ihrer Umwelt. Deshalb seien sie auch hervorragende Indikatoren für den Zustand der Landschaft und der biologischen Vielfalt. Weil sie leicht zu bestimmen seien, fungierten insbesondere die Tagfalter gewissermaßen auch als Frühwarnsystem. Aufgrund ihrer oft von der Natur ausgeklügelten Ansprüche verschwinden sie bei Beeinträchtigungen ihres Lebensraumes rasch aus der Landschaft. „Diese Ursachen reichen vom Klimawandel bis zur intensiven Landwirtschaft“, erklärt der Schmetterlings-Beobachter.

Das Verschwinden der Schmetterlinge nimmt er nicht einfach hin. Werner Schäfer hat eine Studie über die an Waldstraßen im Mühlhäuser Stadtwald vorkommenden Pflanzen und Tagesschmetterlinge erarbeitet. So listet er darin nicht nur den derzeit aktuellen Bestand von 34 Tagfaltern auf, sondern stellte noch an den vier beobachteten Waldstraßen 155 Arten an Kräuter und Stauden sowie 40 Gehölzarten fest. In dieser Studie sieht der Insektenkundler nicht nur ein Zahlenwerk, sondern vor allem einen Beitrag zum Artenschutz. So gibt Werner Schäfer fachlich begründete Hinweise zur forstwirtschaftlichen Pflege insbesondere der Waldränder, die die Hauptsiedlungsgebiete der Schmetterlinge sind.

Über diese Studie hinaus bringt er unmittelbar an den Waldstraßen kleine Informationen an, welche Tagschmetterlinge sich genau an diesem Standort wohl fühlen. „Ich möchte die Wanderer und Erholungssuchenden auf die bunte Welt der Schmetterlinge aufmerksam machen und somit für den Natur- und Artenschutz sensibilisieren“, sagt er.

 

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