Die Schritte des Wahnsinns

Posted by on 4. Juni 2013

Die Schauspielerin Cora Chilcott entwirft in „Georg Büchner Lenz“ eine dramatische Seelenlandschaft

Von Iris Henning

Mühlhausen. In sich zusammengesunken und tief in sich gekehrt sitzt er vor diesem schlichten Tischchen. Der Dichter Jakob Michael Reinholz Lenz, der in seiner Zeit – er lebte von 1751 bis 1792 – verkannt wurde. Leichenblass ist dieser Lenz (dargestellt von der Berliner Schauspielerin Cora Chilcott), von Schlaflosigkeit und seelischem Schmerz gekennzeichnet sind seine Augen. Siebzig spannende Minuten lang nimmt diese tragische Figur das Publikum mit auf den messerscharfen Grad des Wahnsinns und lässt es in den tiefen Abgrund unsagbaren Schmerzes, tiefer Verzweiflung und Todessehnsucht blicken, dass ihm nur so schaudert.

Nach diesen 70 Minuten will sich am Mittwochabend in der Stadtbibliothek Jakobikirche nur zögerlich der Applaus einstellen. Aber dann, nachdem die Sprachlosigkeit überwunden ist, schwillt der Beifall an als Dank für ein brillantes Spiel. Cora Chilcott machte dieses emotionale Solo-Schauspiel zum nachhaltigen Erlebnis. Grandios vermisst sie Minute um Minute den alles verzehrenden Wahnsinn, der aufbrausend, hämisch, lachend und schreiend Stück für Stück die Seele dieses verletzbaren Lenz auffrisst.

Die Idee zu diesem Solo-Schauspiel hatte Cora Chilcott. Zum Gedenken an den 200. Geburtstag von Georg Büchner hat sie dessen Erzählung „Lenz“ aufbereitet und ist seit der Premiere im Oktober vergangenen Jahres damit deutschlandweit auf Tournee. Cora Chilcott sagt über die Entstehung ihres Stücks: „Büchners Fragment über Lenz beruht auf einer Art Tagebuchaufzeichnung des Seelsorgers Johann Friedrich Oberlin, der den seelisch zerrütteten, entwurzelten und ausgegrenzten Dichter neunzehn Tage bei sich aufnahm. Lenz‘ Gemütszustand verschlimmerte sich trotz anfänglicher Besserung auf das Dramatischste. Büchner geht über den Bericht Oberlins hinaus und stellt das innere Erleben, die seelischen Zustände von Lenz in den Vordergrund und macht ihn so zum Helden seiner Erzählung. Dabei bringt er uns Lenz so nahe, dass wir von seinem unsagbaren Leid und seinem traurigen Wahnsinn tief berührt werden.“

Tief berührt hat auch das hochdramatisch dargebotene Schauspiel der Cora Chilcott. Sie brachte Büchners wunderbare Magie der Sprache nahe und beeindruckte in ihrem Solo-Schauspiel durch tiefe Emotionalität, Feinheit, Sinnlichkeit und intensivster Ausdrucksstärke.

 

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