Die Kunst des gewöhnlichen Alltags

Posted by on 6. Februar 2013

Wohnheim „Albert Schweitzer“ feiert fünfjähriges Bestehen und lädt zum Besuch ein

Von Iris Henning

Mühlhausen. Heike Damaschke sitzt in der Kreativwerkstatt. Vor sich, auf dem Tisch, liegt ein Klumpen Ton. Eine Schüssel soll daraus entstehen oder eine Deko-Kugel. Dafür muss der Ton vorbereitet werden. Immer wieder schlägt die 42-Jähringe mit flacher Hand oder mit der Faust auf den Klumpen. Ihr Blick ist abgeschweift, weit weg in irgendeine Ferne gerichtet.

Schüssel und Deko-Kugel wird die 42-Jährige nicht herstellen können. Mit dieser Aufgabe wäre sie überfordert. Vermutlich ist ihr auch egal, was später mit dem Ton geschieht, weil sie nicht so weit vorausplanen kann. Aber dieses geschmeidige Material vorbereiten, das kann sie gut und sie macht es gern. Heike Damaschke ist eine der insgesamt 24 Bewohner in der Wohnstätte „Albert Schweitzer“, die rund um die Uhr Assistenz und Unterstützung in allen Dingen des gewöhnlichen Alltags brauchen, angefangen vom Aufstehen, sich waschen und ankleiden bis hin zum Essen und Trinken und auf die Toilette gehen, die aber ebenso Bedürfnis nach Individualität haben. Heike Damaschke, zum Beispiel, liebt es, nach ihrem Tagwerk in der Tagesförderstätte der Mühlhäuser Werkstätten in der hauseigenen Keramikwerkstatt zu sein, weiß Janet Henning. Sie ist die Team-Leiterin im Albert-Schweitzer-Haus.

WH Albert Schweitzer (6)

In der Keramikwerkstatt fühlt sich Heike Damaschke sehr wohl. Ihr zur Seite steht Veronika Kaltenhäuser.

Erzählen, was ihre Wünsche sind, können die meisten Bewohner nicht. Auch Frau Damaschke nicht. Das gegenseitige Verstehen zwischen den Menschen mit schwersten und mehrfachen Behinderungen und den Mitarbeitern basiert auf Empathie, Einfühlvermögen und respektvollen Umgang. „Uns ist wichtig, dass sich unsere Bewohner hier wohl und zu Hause fühlen“, erklärt die Team-Leiterin. Sich zu Hause zu fühlen bedeutet eben auch, ein eigenes Zimmer zu haben und ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Das wird freilich nie so sein wie für Menschen ohne Behinderung. Aber es soll so sein, dass die Bewohner entsprechend ihrer Neigungen und Fähigkeiten aktiv sein können, wenn sie es wollen. Zum Beispiel so wie Heike Damaschke. Sie ist ganz stolz, wenn sie den Ton bearbeitet, also etwas geschafft hat.

Noch bis weit in die 1980er Jahre hinein gab es für Menschen wie Heike Damaschke und alle anderen Bewohner des Albert-Schweitzer-Hauses kein solches Leben. Ihre Zukunft hieß Psychiatrie. Erwachsenengerechte Behandlung erfuhren sie dort wohl kaum.

Eine Möglichkeit, trotz des enormen Hilfebedarfs wie ein Mensch individuell wohnen zu können, sind Wohnstätten wie die namens „Albert Schweitzer“. Diese haben die Mühlhäuser Werkstätten im Jahr 2008 eröffnet. Am 1. Februar wird diese Wohnstätte fünf Jahre alt. „Eine schöne Geburtstagstafel wird es am Nachmittag geben“, blickt Janet Henning auf die Festvorbereitungen. Gäste aus der Nachbarschaft sind der Wohnstätte übrigens herzlich willkommen. „Wir wollen doch ganz normal leben und nicht auf einer Insel. Wir freuen uns über Kontakte zur Nachbarschaft und zu allen, die sich für unsere Arbeit interessieren“, wird eingeladen. Wer möchte, kann dann auch die Arbeiten aus der kleinen Töpferwerkstatt und den anderen Kreativräumen anschauen.

 

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