Kunst zum Überleben

Posted by on 5. Juli 2012

Der Humanist und Heimatdichter Gustav Wolf hinterließ Bilder aus dem Schützengraben, die von Sehnsucht erzählen.

Heute sind die Bilder fast 100 Jahre alt und im Besitz seiner Enkeltochter

 

Von Iris Henning

Mühlhausen. Friedlich sieht die Bleistiftzeichnung aus. Ein Haus im Verfall ist zu sehen, von Bäumen und Sträuchern umringt. Das Idyll trügt. Diese Skizze ist in einem Schützengraben entstanden. Gustav Wolf hat sie gezeichnet. Im Jahr 1916 in Frankreich. Zwei lange und bange Jahre war er da schon im Krieg. 18 war er, als er schon 1914 voller Begeisterung in den Ersten Weltkrieg zog. Wie so viele seines Alters, die sich ein großes Abenteuer davon versprachen.

Doch Krieg ist kein Abenteuer. Angstvolle Stunden überlebte Gustav Wolf im Schützengraben, sah Kameraden und

Annette Nötzold blättert gern in den Skizzenbüchern ihres Großvaters.

Freunde sterben. Er klammerte sich an sein Skizzenbuch, um wenigstens seine Gedanken in eine bessere Welt schicken zu können. Er flüchtete in die Kunst, um nicht am Elend zu sterben. Er kehrte nach dem Ersten Weltkrieg nach Hause, wenn auch verletzt – äußerlich durch Granatsplitter und Kampfgas, innerlich in der Seele.

Heute sind die Skizzen von Gustav Wolf fast 100 Jahre alt und im Besitz seiner in Mühlhausen lebenden Enkeltochter Annette Nötzold. Sie liebt diese Skizzenbücher, die ihr wie liebe Briefe ihres Großvaters geworden sind. Persönlich konnte sie ihn nicht mehr kennenlernen. Gustaf Wolf starb im Zweiten Weltkrieg, im Mai 1942, kurz vor seinem 46. Geburtstag. Er hinterließ eine Frau und zwei Kinder, zwölf und sechs Jahre alt.

In das zweite Verderben zog Gustav Wolf nicht mehr freiwillig. Auch sträubte er sich, der mittlerweile promoviert hatte und als Studienrat in Bautzen tätig war, der NSDAP beizutreten. Vermutlich wurde er darum als einer der Ersten bereits im Jahr 1939 zum Kriegsdienst eingezogen.

„Mit meinem Großvater starb ein Humanist und Heimatdichter“, blickt Annette Nötzold auf ihren Vorfahren. Gustav Wolf war nicht nur ein genauer Beobachter und begabter Maler. Neben seiner Tätigkeit als Pädagoge verfasste er Gedichte und Lieder, schrieb Theaterstücke. Er interessierte sich für Botanik und Pilzkunde, lernte Sprachen, um Kontakte zu Menschen in Frankreich, England, Island und Serbien knüpfen zu können.

Hört man die Geschichte des Dr. Gustav Wolf, bekommen jene Skizzen aus dem Schützengraben einen ganz anderen Stellenwert. In ihrer Detailtreue, Schlichtheit und Freundlichkeit zeigen sie die tiefe Sehnsucht eines Jugendlichen nach einer gewaltfreien, gerechten Welt.

Annette Nötzold überlegt derzeit, irgendwann einmal die Bilder ihres Großvater gemeinsam mit Auszügen aus dessen Lebenslauf in Mühlhausen auszustellen.

 

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