Zeit zum Kraft schöpfen

Posted by on 14. Mai 2012

Ambulante Dienste der Mühlhäuser Werkstätten unterstützen Familien, die ihre Angehörigen pflegen.

Wie hoch der Bedarf ist, ist nicht bekannt. Die Nachfrage ist im letzten Jahr enorm gestiegen

 

Mühlhausen. Maria M. hat es nicht einfach. Die mit 82 Jahren hochbetagte Dame kümmert sich um den 86-jährigen Oscar, ihren Ehemann. Das macht sie, so gut es eben geht und so gut es ihre selbst eingeschränkte Gesundheit zulässt. Oscar geht es bei weitem nicht mehr so gut wie ihr. Nur selten erkennt er seine Maria noch. Seine Gedankenwelt ist eine andere geworden und dicht umnebelt. Immer mehr versinkt er in das Vergessen. Oft weiß er nicht, wo er eigentlich ist, was er gerade macht, dass er etwas essen und trinken muss. Oscar M. ist an Demenz erkrankt. „Aber ich kann ihn doch nicht in einem Heim abgeben“, hält Maria an ihrem Mann fest. Seit mehr als 60 Jahren sind sie miteinander verheiratet.

Heute ist für Maria und Oscar aber ein guter Tag. Sie sind gemeinsam essen gegangen. Begleitet werden sie von der netten

Susanne Weiß (l.) und Annett Körner beraten betroffene Familien, wann und wie sie Verhinderungspflege und zusätzliche Betreuungsleistungen in Anspruch nehmen können. Foto: Iris Henning

Betreuerin, die seit einiger Zeit immer mal wieder hilft. Oscar M. bekommt das Ausgehen. Er lächelt beim Essen und er erzählt. Das sind selten gewordene Sternstunden im Leben der M.’s. Und froh ist Maria M. nun auch, einmal in der Woche zu ihrer Nachbarin zum Kaffeetrinken gehen zu können, ohne sich um ihren Mann sorgen zu müssen. Die Betreuerin ist ja für diese Stunde da. Die kleine Aus-Zeit gibt Maria M. wieder die Kraft, die sie braucht, sich um ihren Mann kümmern zu können.

Die Betreuerin ist vom familienentlastenden Dienst (FED) der Mühlhäuser Werkstätten für Behinderte, die die ambulanten Dienste anbietet. „Die Familie M. ist kein Einzelbeispiel dafür, wie sehr Familien gefordert sind, die Angehörige mit Behinderung pflegen und umsorgen“, weiß Annett Körner. Sie ist die Leiterin des FED. Wie hoch der Bedarf in Mühlhausen oder im Unstrut-Hainich-Kreis ist, kann sie nicht zu sagen. „Uns liegen keine Statistiken vor. Aber ich nehme an, dass es nicht wenige Familien sind“, sagt sie. So ist die Nachfrage nach zeitweiser Betreuung von pflegebedürftigen Angehörigen im letzten Jahr enorm gestiegen. Wurden bis zum April 2011 acht Familien vom FED unterstützt, sind es heute 40.

Den sprunghaften Anstieg erklärt sich Annett Körner durch das verbesserte Beratungsangebot. Im April vergangenen Jahres wurde eine Beratungsstelle im Mehrgenerationenhaus eingerichtet, die einmal im Monat Sprechzeit anbietet. „Ich denke, viele Betroffene wissen gar nicht, dass es gesetzliche Grundlagen für eine sogenannte Verhinderungspflege sowie zusätzliche Betreuungsleistungen gibt“, glaubt Annett Körner.

Auch Maria M. hat von dieser Beratungsstelle erst später erfahren und schließlich Kontakt gesucht. „Anfangs wollte ich gar nicht. Habe gedacht, das ist doch egoistisch. Ich gehe zum Kaffeeklatsch und lasse meinen Mann allein. Aber ich bin froh, dass ich mich überwunden habe. Der neue Freiraum und der Kontakt geben mir wieder viel Kraft“, sagt sie heute.

„Die Angebote unserer ambulanten Dienste stehen für jeden zur Verfügung, der zu Hause einen Angehörigen mit Einschränkungen betreut. Egal, ob es sich dabei um Kinder, Jugendliche oder Erwachsene handelt“, macht Annett Körner deutlich. Die Pflegebedürftigen können dabei zu Hause oder in den gemütlich eingerichteten Räumen des FED in der Langensalzaer Straße 25 betreut werden. Zudem gibt es sozialrechtliche Begleitung, Begleitung bei Behördenwegen und Hilfe in Notsituationen. Den Schützlingen der ambulanten Dienste werden sogar Ferienfahrten und Freizeiten angeboten.

Kontakt zu den ambulanten Diensten kann während der Sprechstunden im Mehrgenerationenhaus jeden letzten Montag im Monat von 9 bis 12 Uhr (die nächste Sprechstunde ist am 25. Juni) sowie über die Mitarbeitern in der Langensalzaer Straße 25 aufgenommen werden; Tel. (03601) 812441).

 

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