Die Stadt und ein alter neuer Name

Posted by on 17. Januar 2012

Während des Jahrsempfangs der Linken ging es auch um neues Denken über Thomas Müntzer

 

Von Iris Henning

 

Mühlhausen. Es sei für sie durchaus vorstellbar, dass Mühlhausen wieder den Zusatznamen „Thomas-Müntzer-Stadt“ trage, den die Stadt kurz nach der politischen Wende als ideologische Altlast abgeworfen hat. Das sagte Lukrezia Jochimsen, die kulturpolitische Sprecherin der Linke-Bundestagsfraktion. Sie war Gast während des Neujahrsempfangs der Linken im Unstrut-Hainich-Kreis (unsere Zeitung berichtete).

Ein thematischer Schwerpunkt des Neujahrsempfangs war das parteiübergreifende Konzept „Kultur neu denken: Macht,

Mit dem neuen Rollenbild von Thomas Müntzer beschäftigt sich Lukretia Jochimsen intensiv. Im Mai, während der Jahresversammlung der Müntzer-Gesellschaft, will sie dieser Gesellschaft als Mitglied beitreten. Foto: Iris Henning

Reformation, Freiheit“, das sich vor allem mit einem neuen, wissenschaftlich fundierten Rollenbild von Thomas Müntzer, dem Anführer des Bauernheeres, beschäftigt.

Jochimsens These über das neue Rollenbild von Thomas Müntzer: Nach seinem Tod durch die Reformation als Ketzer ausgerufen, verteufelt und jahrhundertelang verfehmt, in der Nachkriegs-Bundesrepublik totgeschwiegen, in der DDR als Gründungsfigur des Arbeiter- und Bauernstaates instrumentalisiert, lässt sich der Theologe der Reformation heute – mehr als 20 Jahre nach der politischen Wende – mit von Ideologie befreitem Blick sehen und in seiner Bedeutung neu einschätzen.

Jochimsen sieht Thomas Müntzer mitten in der derzeitigen Reformationsdekade unterrepräsentiert. „Der Reformator, Zeitgenosse und Konkurrent von Martin Luther spielt kaum eine Rolle“, sagte sie. „Dabei steht gerade er für Begriffe wie direkte Demokratie und soziale Gerechtigkeit.“ Er sei der Erste gewesen, der in deutscher Sprache Freiheit und Gleichheit der Menschen als göttliches Prinzip propagierte.

Das Thema „Kultur neu denken: Macht, Reformation, Freiheit“ soll am 12. und 13. Mai in Mühlhausen unter anderem während der Jahreshauptversammlung der Müntzer-Gesellschaft sowie mit Historikern und Theologen wissenschaftlich diskutiert werden. Zudem wird in der 3K-Theaterwerkstatt die MDR-Geschichtsdokumentation „Thomas Müntzer – Der Satan von Allstedt“ gezeigt und anschließend zur Filmdiskussion eingeladen. Diese Veranstaltungen werden vom traditionellen Bauernkriegsspektakel begleitet.

Die Moderation mehrerer Veranstaltungen liegt dabei in den Händen von Lukretzia Jochimsen. Die Bundestagsabgeordnete ist Medienexpertin. Von 1994 bis 2001 war sie Chefredakteurin „Fernsehen“ des Hessischen Rundfunks.

Ob Mühlhausen den alten Namen „Thomas-Müntzer-Stadt“ wieder neu und ohne ideologische Instrumentalisierung tragen wolle, sollte ihrer Meinung nach von den Einwohnern selbst bestimmt werden. „Man sollte die Menschen fragen, die in der Stadt wohnen, ob sie das wollen“, sagte sie.

 

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