Die Wichtigkeit der Aufgaben

Posted by on 11. Januar 2012

n der Tagesförderstätte der Mühlhäuser Werkstätten sind manches Mal überraschende Talente zu entdecken.

Menschen mit Behinderungen bekommen die Chance auf freie Entfaltung ihrer Persönlichkeit

 

Von Iris Henning

 

Mühlhausen. Mary Lohfink sitzt am Tisch. Konzentriert drückt sie mit ihren Fingern den geschmeidigen Ton in eine Form. Vielleicht wird aus dem Ton später mal eine Schüssel oder eine Lichtkugel. Das weiß Mary noch nicht. Die junge Frau gehört zur Töpfergruppe in der Tagesförderstätte der Mühlhäuser Werkstätten. Genauso wie Nico Hohlbein. Der Jugendliche hat einen großen Pinsel in der Hand. Mit dickem Strich bringt er rote Farbe auf das Papierblatt. Bei jedem gelungene Strich lacht er vor Freude. Nico lacht oft. Er ist ein freundlicher junger Mann.

Geschäftiges Treiben herrscht in der Tagesstätte. Jeder hat seine Aufgaben. Ein Mann von kräftigem Körperbau wischt

Konzentriert arbeitet Mary Lohfink an ihrer Keramik. Ob aus dem Ton eine Schüssel oder eine Kugel wird, das weiß sie noch nicht. Foto: Iris Henning

den Flur. Eine kleine Frau hilft, den Kaffee zu servieren. Eine andere gießt die Blumen. Im Hauswirtschaftsraum wird ein kräftig nach Knoblauch duftender Brotaufstrich zubereitet. Alles geht sehr langsam von der Hand. Hier arbeiten keine Profis. Es sind Menschen mit starken Behinderungen. Ungelenk wirken ihre Bewegungen. Viele von ihnen brauchen Hilfsmittel, steuern sich im Rollstuhl oder speziellen Gerätschaften durch die Räume, ihre Rufe und wenigen Sätze klingen unartikuliert.

Trotz ihrer Einschränkungen geben sie kein Mitleidsbild ab. Sie wirken nicht hilflos, sie haben zu tun, haben Aufgaben zu erfüllen. Klitzeklein wirken diese für die Besucher von draußen. Sie haben ja auch keine Ahnung davon, dass Post holen nicht nur wichtig, sondern auch anstrengend sein kann, dass der Körper oft schon nach kleinen Handlungen nach Ruhe stöhnt, dass sich der Kopf nur so wenig merken kann. Und sie haben keine Ahnung von dem unbändigen Stolz, der sich breit macht, wenn es ein Lob für den picobello sauberen Flur, für die Blütenpracht in den Blumentöpfen, den so schmackhaften Brotaufstrich oder für die so wundervoll gewordene Lichtkugel gibt.

„Hier hat jeder Bewohner seine Tagesinhalte“, erläutert Sylvia Brix. Sie ist die Leiterin der Tagesförderstätte am Schützenberg. Gut qualifizierte, freundliche Mitarbeiter helfen mit individuellen pädagogisch-therapeutische Angeboten, dass auch schwerst mehrfach behinderte Menschen die Chance haben, ihre Persönlichkeit zu entfalten. Dabei möchten die Werkstätten den Begriff „Behinderte“ am liebsten nicht mehr verwenden. Sie wollen nicht, dass betroffene Menschen gesellschaftlich so stigmatisiert werden. „Klienten“ nennen die Betreuerinnen und Therapeuten in der Tagesstätte die ihnen anvertrauten 43 Jugendlichen, Frauen und Männer. Jeder von ihnen braucht geduldige und verständnisvolle Zuwendung und Unterstützung, damit sie in der Lage sind, an den Arbeitsteilhabeangeboten mitzuwirken, die Therapieangebote und die Angebote in den Arbeitsgemeinschaften anzunehmen. Feste Rituale, Regeln, Aufgaben und Abläufe helfen, dass sie Erfahrungen in möglichst allen Bereichen des täglichen Lebens sammeln und dass sie Kompetenzen wie Selbstwertgefühl, Selbstständigkeit, Kommunikation und Konzentration entwickeln können, erläutert Frau Brix. Und es sei gar nicht mal so selten, dass der eine oder andere Klient seine Betreuer plötzlich mit einem Talent überrascht. So wie Mary, die gern töpfert oder Nico, der gern malt.

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