Hilfe im schweren Alltag

Posted by on 6. Januar 2012

Die ambulanten Dienste der Werkstätten für Behinderte unterstützen Menschen mit Behinderungen und deren Familien.

Etwa 60 Frauen und Männer werden von den Mitarbeiterinnen des familienentlastendenen Dienstes betreut.

 

Von Iris Henning

 

Mühlhausen. Oliver *) sitzt am Tisch. Der hochgewachsene schlanke junge Mann spielt Karten. Das Spiel ist geeignet für Kinder ab fünf. Der 32-jährige Oliver gewinnt. Er klatscht in die Hände, hüpft vom Stuhl, führt ein ungelenkes Freudentänzchen auf und ist ganz aus dem Häuschen.

Oliver ist anders als die meisten Menschen. Er muss mit mehreren körperlichen und geistigen Behinderungen leben. Die hat er von Geburt an. Die Erziehung fiel schwer. Der Junge zeigte teilweise ein äußerst aggressives Verhalten. Aus heiterem Himmel konnte er jähzornig werden und um sich schlagen. Die damals noch jungen Eltern trauten sich mit ihm kaum mehr hinaus und noch weniger trauten sie sich, auszugehen, um einen unbeschwerten Abend beim Tanzen zu verbringen, wie es die meisten ihrer Freunde an den Wochenenden taten.

„So ging es nicht wenigen Eltern, bevor es den familienentlastenden Dienst, den FED, gab“, erinnert Marianne Vogt.

Vieles wird gemeinsam organisiert, auch ein Grillfest gehört dazu. Daniel, Kristine und David schmeckt's. Foto: privat

Dieser Dienst gehört zu den ambulanten Angeboten der Mühlhäuser Werkstätten für Behinderte. Marianne Vogt ist die Leiterin des FED sowie des ambulant betreuten Wohnens.

„Familien und Alleinerziehende von Menschen, die eine Beeinträchtigung haben, sind stark gefordert“, sagt Frau Vogt. Sie weiß, wovon sie spricht. Auch ihr inzwischen erwachsener Sohn kam mit Behinderungen auf die Welt. Sie kennt die vielen zusätzlichen Absprachen, Planungen und Wege, die die Nerven zermürben und den Alltag schwermachen können. „Unser familienentlastender Dienst kann helfen. Es ist wichtig für die Eltern behinderter Kinder, dass sie sich persönliche Freiräume schaffen, Hobbys pflegen und Kontakte behalten können und damit neue Kräfte sammeln“.

Und wie kann der FED helfen?

Stunden- oder tageweise Betreuung ist möglich, Ferienfahrten und Freizeitangebote gibt es, Begleitung bei Wahrnehmung von Terminen, sozialrechtliche Begleitung, Hilfe in Notsituationen, listet Marianne Vogt Beispiele aus dem Leistungsspektrum auf. Die Betreuung des Hilfsbedürftigen könne dabei direkt zu Hause oder in den Räumen des FED an der Langensalzaer Straße 25 erfolgen. Finanziert werden können die Leistungen über die Pflegekasse, wenn eine Pflegestufe vorliegt. Anträge könnten auch über die Jugend- und Sozialämter gestellt werden, ergänzt sie.

Vom FED werden derzeit etwa 60 Frauen und Männer betreut. Sie kommen gern in den wie eine gemütliche Wohnung eingerichteten FED. Das gemeinsame Kochen und Backen bereitet Freude, das Schwatzen in der Sofaecke, das Kaffeetrinken, die gemeinsamen Geburtstagsfeiern …. Hier sind sie keine Behinderten. Hier sind sie Menschen, wohlwissend oder ahnend, dass es ohne Betreuung nie ganz gehen wird. Allein einen Geburtstag auszurichten, wäre für sie eine nicht zu meisternde Herausforderung.

Und doch sind da die so selbstverständlich erscheinenden Wünsche nach einem eigenen Leben, etwa in einer Wohnung mit Zimmer, Küche und Bad. „Im ‚ambulant betreuten Wohnen‘ ist da auch vieles möglich“, weist Marianne Vogt auf ihren zweiten Zuständigkeitsbereich hin. Wohnen, so sagt sie, heißt Zuhause sein. Das wollen auch Menschen mit Handicap. Der Dienst des ambulant betreuten Wohnens will ihnen helfen, das Leben im häuslichen Umfeld zu meistern. Die Betreuung dabei bedeutet, dass sich die Menschen ihre Wohnung selbst einrichten und den Tagesablauf selbst bestimmen. Hilfe gibt es, wenn sie nötig wird, etwa bei der Regelung finanzieller Angelegenheit, bei Behördengängen und auch während Schwangerschaften und bei der Kindererziehung.

Über viele Jahre hat das Marianne Vogt mit ihrem Team diese Arbeit geleistet. Jetzt wird die engagierte Frau kürzertreten. Sie geht in den Ruhestand. Ab 1. Januar liegt die Leitung des familienentlastenden Dienstes und des ambulant betreuten Wohnens in den Händen von Annett Körner.

Übrigens: Eine von der Gesellschaft für Arbeits- und Wirtschaftsförderung (GFAW) geförderte Beratungsstelle im Mehrgenerationenhaus an der Puschkinstraße gibt Rat- und Hilfesuchenden gern Auskunft über das Leistungsspektrum der ambulanten Dienste der Mühlhäuser Werkstätten.

 

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