Ein bitterböses Buch

Posted by on 21. November 2011

„Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend“: Reporter Andreas Altmann erlebte im eigenen Elternhaus die Abgründe der Menschheit

 

Von Iris Henning

Mühlhausen. Er ist noch einmal davon gekommen. Das sagt Reporter Andreas Altmann. Er hat es geschafft, den finsteren Schattengespenstern seiner Kindheitstage zu entfliehen. Es hat Jahrzehnte gedauert, sich aus ihren langen, klebrigen Fingern zu befreien und dass aus einem hilflosen und wehrlosen Opfer ein freier Mensch wird.

In seinem neuen Buch mit dem durch und durch rotzigen Titel „Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend“ beschreibt der als Reisereporter bekannte und mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis ausgezeichnete Autor seine eigene Kindheit voller Misshandlungen und Demütigungen in seinem Elternhaus, beschreibt bigotte Pfarrer und verkappte Nazis im bayerischen Wallfahrtsort Altötting, in dem er geboren wurde und dessen Namen er lieber nie kennengelernt hätte. Einen „Geburtsfehler“ nennt Altmann diesen Ort.

Jahrzehnte brauchte Altmann, bis es ihm überhaupt möglich wurde, seine traumatischen Kindheitserfahrungen aufzuschreiben. „Ich musste mir sicher sein, den richtigen Ton für diese Geschichte gefunden zu haben. In keiner Zeile wollte ich als Heulsuse oder als Greinerling erscheinen, keine Zeile sollte billiges Mitleid heischen“, erzählte Altmann am Mittwochabend in der ausverkauften Stadtbibliothek Jakobikirche. Als Gast innerhalb der Reihe TA-Café stellte er dort sein Buch vor.

Es ist ein böses, ein zorniges, ein wütendes Buch, das die Altöttinger Täter schonungslos denunziert. Täter Nummer eins ist der eigene Vater, Franz Xaver Altmann, der als „Rosenkranzkönig“ erfolgreich mit Devotionalien und religiösem Kitsch handelte und hinter der schönen bürgerlichen Fassade seine Frau und vor allem seine Kinder verbrecherisch misshandelte.

Altmann beweist sich auch bei dieser Literatur als ein begnadeter Erzähler und als unbequemer Reporter. Er listet Fakten auf, kann sie beweisen. So wird der Rückblick auf seine Kindheit und Jugend eine lange Reportage aus der Nachkriegszeit. Die noch lebenden Beschuldigten in Altötting wehren sich nicht gegen die ungeheuerlichen Anwürfe in diesem Buch. „Weil sie wissen, dass es wahr ist, wollen sie mein Buch aussitzen“, sagt Altmann.

Erschienen ist „Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend“ im Piper-Verlag. Seit der Erstauflage Ende August dieses Jahres mussten bereits mehrere Auflagen nachgedruckt werden.

Das Buch hält seit Wochen einen Platz auf der Bestseller-Liste des “Spiegel“. Die “Zeit“ schreibt: “Das Buch ist das Beste und Böseste, was seit Thomas Bernhards ‚Auslöschung‘, Franz Xaver Kroetz‘ ‚Stallerhof‘ und Martin Sperrs ‚Jagdszenen aus Niederbayern‘ auf Alpenländisch zu lesen war über die Abgründe des Menschseins.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.