Paddeln in Sibirien

Posted by on 22. Oktober 2011

Zwei Männer und zwei Frauen aus dem Unstrut-Hainich-Kreis machten mit ihren Faltbooten eine außergewöhnliche Reise.

Sie waren vermutlich die Ersten, die auf diese Art ein Stück Sibiriens im hohen Norden erlebten

(Ein medialer Lichtbildvortrag kann ab Dezember 2011 gebucht werden bei der Autorin, Tel. 036026 – 90675)

Von Iris Henning

Beginnt bei Männern die sogenannte zweite Jugend, wünschen sie sich die unvernünftigsten Dinge. Ein Rennrad, zum Beispiel. Oder eine Harley Davidson. Oder einen Sprung mit dem Fallschirm aus einem Sportflugzeug.

Manche wünschen sich eine Paddeltour auf der Lena, einem der größten Ströme der Erde. So ein Wunsch kann ansteckend sein. Gleich zwei Männer, zwei Freunde, tuschelten vermutlich schon länger über ihre Pläne, ehe sie ihre Frauen einweihten, denn: Die sollten bei dem Abenteuer dabei sein.

Die Lena also, ein etwa 4400 Kilometer langer Strom in Sibirien, der in die Laptewsee, einem Randmeer des Nordpolarmeers, mündet. Und ausgerechnet die Laptewsee war erklärtes Ziel unserer Seniorjugendlichen, von denen der eine kürzlich seinen 50. Geburtstag feierte, der andere seinen 60 und beide trumpften: Zu runden Geburtstagen gibt’s Extra-Touren.

O Gott, wir sahen uns gedanklich schon als leidende Ehefrauen. Frierend und bibbernd vor Kälte liegen wir nachts in unseren Zelten, tagsüber vernaschen uns Milliarden von Mücken, Wind peitscht unsere Boote über das Wasser, eiskalte Gischt sprüht uns ins Gesicht. Der Allerwerteste schmerzt vom langen Sitzen im Boot. Brot und Wurst werden zur Mangelware, wir ernähren uns von Reispamps und Buchweizengrütze … Und doch waren wir begeistert von der Möglichkeit, ein Stück dieses geheimnisvollen Sibiriens auf diese Weise zu erleben

Natürlich sind 4400 Kilometer viel zu lang für einen Jahresurlaub. Jedenfalls, wenn man mit den eigenen Faltbooten unterwegs ist. Bestenfalls 800 Kilometer wären machbar: 35 Kilometer jeden Tag mit ein bis zwei Tagen Ruhepause. Theoretisch. Denn eine solche Tour hat vermutlich noch nie wer mit Faltbooten bewältigt. Alle Recherchen verliefen ins Ergebnislose. So wurde schon die Vorbereitung zum monatelangen Erlebnis: Wie kommen wir zum Ausgangspunkt unserer Reise, zur klitzekleinen Siedlung Kystatyam, die etwa 80 Kilometer oberhalb des Polarkreises liegt? Wie kommen wir wieder zurück in die jakutische Hauptstadt Jakutsk, von der wir den Heimatflug antreten? Welche Fließgeschwindigkeit hat die Lena, welche Tücken? Was sagt die Statistik über Wind und Wetter? Wo sind die nächsten Siedlungen, in denen wir unsere Nahrungsmittel ergänzen können? Fragen über Fragen. Jede Antwort wollte mühsam recherchiert werden. Und die meisten, die von uns angeschriebenen speziellen deutsch-russischen Reiseveranstaltern kamen, waren deprimierend. Von „haben wir nicht“ bis „nicht machbar“ und „zu gefährlich“ lauteten ausnahmslos die Antworten.

Ein einziges Passagierschiff fanden wir, das uns mitnehmen wollte, die „Mechanik Kulibin“. Wie wir später herausfanden, war es überhaupt das Einzige, das in diese gottverlassene menschenleere Gegend fuhr.

Endlich an Bord mit allem Sack und Pack: zwei Faltboote in tragbare Säcken verstaut, zwei Zelte, 40 Kilogramm Proviant – gekauft in Jakutsk -, zwei Kameras und jeder noch einen Rucksack mit dem Notwendigsten an Kleidung und Erste-Hilfe-Ausrüstung für den Notfall. Denn eins wussten wir: Bis zur nächsten Siedlung sind wir allein auf uns angewiesen. Es gibt nur die mächtige, kilometerbreite Lena, die unendliche Taiga, Schwärme von Mücken und möglicherweise Bären und Wölfe. Nur eins gibt es nicht: Handyempfang. Und die nächste Siedlung ist ungefähr 400 Kilometer weit weg, also etwa 12 bis 15 Tage entfernt.

Nach zwei Tagen Schiffsreise erreichen wird Kystatyam. Nichts ist zu sehen von dem Ort, er liegt wohl an einem Zufluss hinter irgendeinem dieser Berge. Auch von einem Hafen ist nichts zu sehen. Ach, wir Ahnungslosen aus dem ordnungsvoll geregelten Deutschland! Ein Hafen ist hier kein Hafen. Das Schiff hält, wie bereits im vorangegangen Ort, mitten auf dem Wasser. Mit kleinen Motorbooten kommen die Angehörigen, Nachbarn oder Freunde heran, um die Passagiere zu holen.

Und wir? Aber was machten wir uns nur Gedanken! Hier ist es das Normalste der Welt, sich gegenseitig zu helfen. Schwuppdiwupp sitzen wir in einem Boot eines jakutischen Fischers. Zweimal musste er fahren, damit wir und all unser Gepäck an Land kommen. Bitteschön – hier ein paar Rubel für diese Mühe. Für dieses unmoralische Angebot ernten wir einen bösen Blick. Hilfe ist hier nicht bezahlbar, ist unsere erste russische Lektion.

Nach einer Mütze Schlaf – wir kamen mitten in der Nacht an, die hier im hohen Norden im Sommer taghell ist – bauen wir die Boote auf, verstauen Ausrüstung und Proviant in die wasserdichten Packsäcke, kriechen in unsere Schwimmwesten und gleiten hinein in die Lena. Spiegelglatt nimmt sie uns auf. Die Sonne brennt. Um die 35 Grad zeigte das Thermometer – und das in der Arktis. Das glaubt uns kein Mensch. Der Schweiß rinnt uns von der Stirn und den Rücken hinab. Wir stöhnen vor Hitze.

Doch Lena und Wetter sind launisch. Das Kontrastprogramm lässt nur einige Tage auf sich warten. Gegenwind und Wellengang machen ein Vorwärtskommen beschwerlich. Blitz, Donner und kräftige Regengüsse zwingen zu Pausen. Ein Tagessoll von 35 Kilometer will manches Mal hart erkämpft sein und ist nicht immer zu schaffen. Befürchtungen werden wahr: Wellen rollen über den Bug, Gischt spritzt ins Gesicht. Der Wind treibt uns immer wieder ab von schützender Ufernähe. Eines Nachts wird eines unserer Boote von einer kräftigen Windböe in die Lena gewirbelt und löst eine Rettungsaktion aus, ein Sandsturm perforiert die Zeltwand und ein anschwellender Nebenfluss hätte beinah eins unserer Boote versenkt.

Und doch ist alles beeindruckender als je ein anderer Urlaub war: die gigantischen Täler, die sich die Lena gegraben hat, die weiten Ebenen, duch die sich gemächlich mäandert, die Felsstrukturen, die lichten Wälder, die Zuflüsse, die unbeschreibliche Weite, die Ruhe, das knisternde Lagerfeuer all die Abende, der sättigende Buchweizen, der heiße Tee und die Begegnungen mit Einheimischen.

Letztere sind selten. Nur etwa alle 50 Kilometer entdecken wir kleine, selbstgezimmerte Hütten aus Holz. Manche sind verwaist, manche von jakutischen Fischern und Jägern bewohnt. Mit herzlichster Gastfreundschaft werden wir, vier Wildfremde, von ihnen empfangen. Es gibt Tee und Essen – Fisch oder Rentier, je nachdem, was die Speisevorräte hergeben. Es gibt Gespräche. Woher, wohin? Was? Mit einem Kanu seit ihr unterwegs? Nein, das gibt’s doch nicht. Das hat noch nie wer gemacht! Ihr seit verrückt, aber es ist toll, das ihr euch für unsere Gegend interessiert.

Touristen verirrten sich noch nie in ihre Hütten. Für manche der hier Lebenden sind wir die ersten Mitteleuropäer, die sie außerhalb des Fernsehens zu Gesicht bekommen. Fast immer werden wir zurück ans Wasser geleitet. Man ist neugierig auf unsere Boote, die winzig und verletzlich in dieser riesigen Lena wirken. Fast immer gibt es einen Fisch für unterwegs mit. „Bleibt gesund“, heißt es zum Abschied.

Wir lachen, wir winken, wir sind glücklich. Auch dann noch, als wir einsehen müssen, dass wir unser Ziel an der Lenamündung, die Stadt Tiksi, nie erreichen werden. Eine Einreise in diese Stadt, von der ein Teil noch als militärisches Sperrgebiet ausgewiesen ist, ist nur mit Sondervisum möglich. Das haben wir trotz aller Mühe nicht bekommen. Auf Tit Ary, einer bewohnten Insel mitten in der Lena, etwa 130 Kilometer vor Tiksi, ist Schluss. Einige Tage müssen wir warten, bis uns ein Schiff zurück nach Jakutsk bringen wird. Noch einmal werden wir verwöhnt von der umwerfenden Gastfreundschaft der Menschen, die selbst nur wenig zum Leben haben und in bescheidenen Unterkünften leben. Ein Festschmaus gibt es und auf die Freundschaft wird getrunken. Na Starowje. Es ist schön, dass ihr gekommen seit. Nehmt Grüße von uns mit zu Euch nach Hause.

 

Die Autorin ist freie Journalistin, sie wohnt im Unstrut-Hainich-Kreis. Gemeinsam mit ihrem Mann Peter und ihren Freunden Ralf und Kerstin Weise hat sie sich auf den Weg gemacht, fünf Wochen lang ein Stück Sibirien zu erleben. Ralf Weise ist Landschafts- und Naturfotograf und Mitglied in der Gesellschaft Deutscher Tierfotografen.

Fotos: Ralf Weise und Iris Henning

 

One Response to Paddeln in Sibirien

  1. Peter

    Da die Anrede hier, siehe „hinterlasse…“, informell ist, zwei Hinweise für evtl. Folgetouren:
    1) Handy-Empfang: Ist weltweit möglich, mit Miet-Handies von der dt. Telekom, ggf. Kauf-Handies, ggf. sogar
    mit Prepaid-Cards (hatten die früher). Übersichts-Info unter: http://www.iridium.com.
    Iridium wurde gestartet als es noch kein „roaming“ gab, man also bei Motorola glaubte, es gäbe einen Markt für „ein Handy für alle Kontinente“.
    2) Schiffsverkehr auf der Lena: Dreimal jährlich fährt auch die Mikhail Svetlow (oder so) von Jakutsk nach Tiksi (Lena Delta) und zurück.
    Zu den Bildern auf Lichbildzeit: Ich habe euch jeden Kilometer von ganzem Herzen gegönnt.
    Peter

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