Ein Duz-Freund Mozarts

Posted by on 6. Oktober 2011
Publikum dankte dem Klezmerklarinettisten Helmut Eisel und dem Thüringischen Kammerorchester Weimar mit stehendem Applaus.

Ein Teil des Konzertprogramms war zugleich eine Premiere

 

Von Iris Henning

Mühlhausen. Er ist mit Mozart auf Du und hat mit ihm schon so manches ausgeheckt. Begnadete Musiker haben es besser als wir Normalos. Notenblätter sind für sie wie Zeitmaschinen. Jedenfalls behauptet das der Bassettklarinettist Helmut Eisel. Er war am Dienstagabend gemeinsam mit dem Thüringischen Kammerorchester Weimar gefeierter Gast in der voll besetzten Konzerthalle der Marienkirche. Zum Konzert „Zeitreise“ war eingeladen.

Keinesfalls aber ist der sich das Du herausnehmender Helmut Eisel ein Respektloser gegenüber Mozart. Im Gegenteil. Wie er mit seiner Klarinette die Mozart’sche Musik aufnimmt, sie mit den bunten Klangfarben der Klezmermusik variiert und seine Improvisationsphasen einfließen lässt, das zeugt von höchster Anerkennung.

Mucksmäuschenstill ist es in den dicht besetzten Zuschauerreihen, wenn Eisel seiner Klarinette Stimme gibt. Niemand aus dem Publikum möchte auch nur ein Quäntchen dieser Musik seinen Ohren vorenthalten, so rührend, so anmutig, so schmerzlich traurig und so bittersüß schön singt, klagt und erzählt die Klarinette. Eisel balanciert gern zwischen sanfter Melancholie und Jubelton.

Und er spielt gern zusammen mit seinem Freund Mozart. In diesem Fall hat das Thüringer Kammerorchester Weimar die musikalische Rolle Mozarts übernommen. Schon ein Abend mit diesem Kammerorchester und dessen hingebungsvollen Dirigenten Martin Hoff wäre in Mühlhausen das gewesen, was man ein gesellschaftliches Ereignis hätte nennen können. Hoff ist auch nicht irgendwer. Er ist der 1. Kapellmeister am Deutschen Nationaltheater Weimar und hat dort schon Konzerte wie Salome, Elektra, Turandot, Don Carlo, Rigoletto, Zauberflöte, Don Giovanni, Nabucco, Jenufa, Carmen, Wildschütz, Schostakowitschs Lady Macbeth von Mzensk und Verdis Luisa Miller dirigiert. Zudem war er maßgeblich an der Einstudierung des gefeierten Weimarer Ring des Nibelungen beteiligt. Nun stand der schlanke und selbst in seinem dunklen schicken Anzug noch drahtig wirkende Mann auf der etwa acht mal vier Meter großen Bühne in der Mühlhäuser Marienkirche und dirigierte mit vollem Körpereinsatz und einem sympathisch-auffordernden Lächeln sein Kammerorchester. Mozarts A-Dur-Sinfonie gab es zur Begrüßung des Publikums, ehe Helmut Eisel mit seiner Klarinette hinzukam.

Eisel nimmt sich Zeit, bis er zu Mozart kommt. Er beginnt mit der Vertonung des jüdischen Gebets „Kol Nidrei“ von Max Bruch – und zeigt in dem Stück sowie in dem späteren eigenen Song „A Turkish Woman in Berlin“ zuvor seine immer wieder verblüffende Ausdrucksbreite seines Klarinettenspiels. Da schmaucht sein Instrument und schluchzt, es kichert und gackert, es meckert und mosert.

Aber wie sollen Eisels eher unkonventionelle Klezmermusik und seine Improvisation zu Mozart passen? Mit dem Thüringischen Kammerorchester Weimar nähert sich Eisel der Mozart’schen Musik auf wunderbare Weise. Allerdings: Seine jiddische Inspiriertheit ist nicht mehr Mozart. Doch Eisel zeigt, dass der klassische Mozart auch im Klezmer-Gewand an Schönheit nichts einbüßt, eben nur anders klingt. Es ist so, als ginge Mozart ein bisschen fremd.

Die Herzen des Publikums haben Mozart und sein wagemutiger Duz-Freund Eisel sowie das Thürinigsche Kammerorchester dabei auf jeden Fall erobert. Mit stehendem Applaus und Bravo-Rufen feierten die Zuschauer die Darbietung dieses Konzerts für Klarinette und Orchester und erfährt hinterher, dass diese Aufführung des Thüringischen Kammerorchesters Weimar und Helmut Eisel vor einem Publikum sogar eine Premiere war.

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