Eine schonungslose Abrechnung

Posted by on 7. September 2011
Reisereporter Andreas Altmann begibt sich auf die Reise in die eigene Menschwerdung

Von Iris Henning

Mühlhausen. Altötting ist ein malerischer Ort im Alpenvorland. „Das Herz Bayerns und eines der Herzen Europas“, nennt Papst Benedikt XVI. diesen Wallfahrtsort.

Für den Reiseautoren Andreas Altmann, der in Altötting geboren wurde, ist es ein Ort des Grauens, der Bigotterie, der Verlogenheit. In seinem neuen Buch „Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend“ erzählt er, der sonst die Geschichten anderer sammelt, seine eigene Menschwerdung. Nach Jahrzehnten des Schweigens rechnet er schonungslos ab mit einem grausamen Vater, einer labilen Mutter und mit der katholischen Kirche. „Nestbeschmutzer“ wird er darum von vielen bereits genannt.

Andreas Altmann, der zu den bekanntesten deutschen Reiseautoren zählt, begibt sich in seinem neuen Buch auf eine ganz andere Reise. Sie führt in seine zutiefst unglückliche Kindheit und Jugend. Allein Lesen dieses 254-seitigen Buches schmerzt mit jeder Seite. Und dennoch liest man es gespannt und atemlos, so Unglaubliches kommt ans Tageslicht. Tiefes Mitgefühl empfindet man mit diesem heranwachsenden, mageren Kind, das kaum anderes kennt als schwere Arbeit, Prügel bis zur Bewusstlosigkeit und Essensentzug von seinem vermeintlich braven, im Kirchenchor singenden und wohlhabenden Vater. Seine Mutter ist viel zu schwach, um ihr Kind zu schützen, das ums Überleben kämpft. Brutale Gewalt und Schrecken sind die täglichen Begleiter seiner Kindheit und Jugend in der Nachkriegszeit. Auch sein Religionslehrer schlug zu. Und Altmann weiß, dass er kein Altöttinger Einzelfall ist. Eine Mitschülerin wurde vom Pfarrer missbraucht. „Ich habe Beweise und eidesstattliche Erklärungen. In meinem Buch ist nichts erfunden, es geht um Tatsachen“, betont er.

Die schrecklichen Erfahrungen konnten Andreas Altmann nicht brechen. Als 18-Jährigem gelang ihm die Flucht aus der Altöttinger Hölle.

Die Kindheitserfahrungen und die Frage nach dem Warum begleiten ihn seit dem ständig. Und er bilanziert zum Schluss des sowohl wortgewaltigen als auch rotzig geschriebenen Buches, dass er Glück gehabt hat. Weil er davon gekommen ist. Weil er nicht, wie sein Vater, der als psychisches Wrack aus dem Krieg kam und in der falschen Zeit am falschen Ort „mit der Arschkarte in beiden Händen“ leben musste. Und doch heult dieser Andreas Altmann bisweilen, wenn in dunklen Kinos eine Geschichte von einem Vater und seinem Sohn erzählt wird. „Vor Sehnsucht nach einem wie dem Leinwandhelden. Der seinen Sohn umarmt und ihn behütet.“

Am 16. November stellt Andreas Altmann, der in Paris lebt und unter anderem bereits mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis und dem Seume-Literaturpreis ausgezeichnet wurde, sein neues Buch innerhalb der Reihe TA-Café in Mühlhausen, in der Stadtbibliothek Jakobikirche, vor.

„Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend“ von Andreas Altmann, Piper, Preis: 15,99 Euro

 

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