Spurensuche nach Frömmigkeit

Posted by on 30. Mai 2011
Mühlhäuser Museumsdirektor leitet ein geschichtliches Forschungsprojekt in Mitteldeutschland.

Eine repräsentative Bestandsaufnahme von Sachzeugnissen soll Licht ins Dunkel bringen.

 

Von Iris Henning

 

Mühlhausen. Wenn an diesem Wochenende das 8. Bauernkriegsspektakel das Leben auf dem kleinen Blobach, vor dem Inneren Frauentor und entlang der Stadtmauer am Hohen Graben bestimmt und damit an die Rebellen Thomas Müntzer und Heinrich Pfeiffer erinnert, sitzt der Wissenschaftler Dr. Hartmut Kühne über dem jetzt ins Leben gerufene Forschungsprojekt „Alltag und Frömmigkeit am Vorabend der Reformation“. Dieses Projekt hat der Direktor der Mühlhäuser Museen, Thomas T. Müller, auf den Weg gebracht. Er ist auf der Suche nach Beweisen, dass die Frömmigkeit im Alltag der Menschen trotz aller Missstände in der Kirche im späten Mittelalter ihren festen Platz hatte.

Um 1500 war es nicht mehr selbstverständlich, dass Geistliche ein vorbildliches Leben führten. Viele Erzbischöfe und

Dieses aus dem Jahr 1492 stammende Relief mit der Heiligendarstellung ist ein Zeitzeuge der Frömmigkeit im Mittelalter. Es stammt aus der alten Kapelle des Siechenhofes in Bad Langensalza und ist heute im Stadtmuseum Augustinerklostser ausgestellt. Foto: Iris Henning

Kardinäle, ja sogar Päpste verhielten sich wie weltliche Herrscher, betrieben Machtpolitik, feierten rauschende Feste, hatten Mätressen und uneheliche Kinder. Viele Äbte und Bischöfe hatten ihre Ämter gekauft, oft waren sie nicht zum Priester geweiht und so schlecht ausgebildet, dass sie nicht einmal die sonntägliche Messe lesen konnten. Die Missstände in der Kirche stießen bei einfachen Menschen und Gelehrten immer mehr auf Kritik.

Selbst vor diesem desaströsen Hintergrund schließt der Museumsdirektor, der auch Leiter des Projekts ist, eine breite religiöse Vielfalt nicht aus. Dr. Hartmut Kühne soll darum im mitteldeutschen Raum, dem bislang in dieser Hinsicht wenig erforschten Ursprungsland der Reformation, auf Spurensuche gehen.

Ziel des Projekts ist, „durch eine repräsentative Bestandsaufnahme von Sachzeugnissen vorreformatorischer Alltagsreligion aus dem mitteldeutschen Raum und deren kontextueller Dokumentation die … weitgehend vergessene religiöse Lebenswelt … wieder zu entdecken“, so Müller.

Das Projekt ist eingebunden in eine Forschungskooperation der großen kulturhistorischen Museen in Magdeburg, Leipzig und Mühlhausen, des Instituts für Sächsische Geschichte und Volkskunde, der Stiftung Luthergedenksätten in Sachsen-Anhalt und der Historischen Kommission für Thüringen. Unterstützt wird es von der Gerda-Henkel-Stiftung, die dem Projektbearbeiter Dr. Kühne ein Forschungsstipendium gewährt. Das Projekt soll Grundlage für eine in diesem Jahr geplante wissenschaftliche Tagung sowie für einen Ausstellungszyklus in den Jahren 2013 und 2014 sein.

 

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