Spätromanische Nonchalance von überregionaler Bedeutung

Posted by on 14. April 2011

Von Iris Henning

 

BAD LANGENSALZA.

So sieht doch kein Schloss aus! Das ist ein hoher, graublauer Kasten mit Dach darauf.

Wer das erste Mal vor Schloss Dryburg steht, sieht sich um seine märchenhaften Schlossvorstellungen betrogen. Lediglich die breite, steingepflasterte Auffahrt schwingt sich in majestätischer Nonchalance eine kleine Anhöhe hinauf.

Kati Kaiser lacht. „Ja, so regaieren beinahe alle, denen ich das Schloss vorstelle“, sagt die freundliche Bad Langenalzaer Stadtführerin. „Aber glauben Sie mir, es ist ein Schloss. Zumindest Reste davon“, fügt sie hinzu. Mit den Resten meint sie diesen übriggebliebenen Wohnturm. Der ist spätromanisch und mit Wohnraum noch aus der Mitte des 13. Jahrhunderts sehr gut erhalten, weiß die Kundige.

Heute muss mein Glückstag sein, denn meine Zufallsbekanntschaft Kati Kaiser zieht einen Schlüssel aus der Tasche, schließt die Tür auf und führt mich über viele Stufen einer wuchtigen, historischen Holztreppe ganz nach oben, schließt eine weitere Tür auf – und bittet mich hinein in den großzügigen Wohnraum. Der ist ganz modern eingerichtet mit Einbauküche, Geschirrspüler und Fernseher. Ein Laptop steht auf dem Tisch. „Hier wohne ich, die Kaiserin“, spielt die Stadtführerin auf ihren Namen an, führt mich zum Fenster und schwärmt augenblicklich über den weiten Blick über die Stadt. „Ist doch herrlich, oder“, fragt sie rhetorisch und weist gleichzeitig auf das fast einen Meter dicke Gemäuer, das ihren Wohnraum schützend ummantelt, auf die Konsolsteine und Balken und andere bauliche Details, die den spätromanischen Wohnraum aus der Zeit um 1250 bezeugen.

Und schon ist Kati Kaiser in ihrem Stadtführer-Element. Sie packt Bücher auf den Tisch, die über die Geschichte des Schlosses berichten. So über die Herren von Salza, die im 12. Jahrhundert diese Burganlage errichteten, von dem Feuer, das im Frühjahr 1346 die Dryburg bis auf einen Wohnturm fast zerstörte und von einem weiteren Brand 1899, als das Schloss schon längst kein Adelssitz mehr war, sondern sich verschiedener Ämter breit gmeacht hatten. So waren das Rentamt, die Salarienkasse (Lohnkasse), das Landratsamt, das königliche Kreisgericht und das Hauptsteueramt untergebracht. Im Jahr 1927 kaufte die Stadt Langensalza die vom Schloss verbliebenen Gebäude und richtete dort unter anderem vier städtische Wohnungen ein. Zudem fanden die Ortskrankenkasse und das Kreisarbeitsnachweisamt ihren Sitz. Teile des Gebäudes wurden von 1949 bis 1991 als Stadtbibliothek und Schule genutzt.

Dann stand das Schloss, mittlerweile in Privatbesitz, lange leer. Mit aufwändiger Sanierung sollte dessen sichtbarem Siechtum entgegengewirkt werden.

Seit dem 1. April 2009 hat die Dryburg einen neuen Schlossherrn: Albrecht Kiesow aus Mühlhausen. Der Geschäftsmann verliebte sich in dieses Objekt, als dieses zum Verkauf stand, wohlwissend, dass ein Architekturdenkmal von überregionaler Bedeutung wie dieses nicht so leicht zu erhalten ist. Doch war die Dryburg mittlerweile vom Vorbesitzer so weit saniert, dass sie als Wohnraum und in der untere Etage als Galerie zeitgenössicher Kunst sinnvoll genutzt werden konnte. So sieht sich der neue Schlossherr auch in der Lage, das Objekt dauerhaft zu erhalten.

Wunsch von ihm ist zudem, wieder den einstigen Gaststättenbetrieb aufzunehmen, sobald ein geeigneter Pächter gefunden ist. Die Gastronomie hatte sich in den ehemaligen Gefängnisräumen des Schlosses bereits gut etabliert.

 

DIASCHAU

 

Schloss-Historie

 

Die Schlossburg ist das älteste erhaltene, komplett aus Stein gemauerte Wohngebäude der Stadt Bad Langensalza. Die Erbauer der im 12. Jahrhundert errichteten Anlage nannten sich Herren von Salza. Die Dryburg war zum Stammsitz derer von Salza.

 

Im Frühjahr 1346 wurde die Dryburg durch Brand fast völlig zerstört. Die bis auf zwei Wohntürme niedergebrannte Dryburg wurde um 1350 neu errichtet.

 

Das Amt Langensalza mit Stadt und Schloss ging 1657 an die Herzöge von Sachsen-Weißenfels. Es erfolgte der Ausbau des Schlosses zum Witwensitz. Die Witwe des letzten Herzogs, Friederike von Sachsen-Weißenfels, lebte von 1746 bis 1775 im Schloss. Nach deren Tod wohnten bis Anfang des 19. Jahrhunderts die ehemaligen Diener und deren Nachkommen in der Dryburg.

 

Das im romanischen Baustil errichtete Schloss wurde im Laufe der Jahrhunderte immer wieder verändert. Der Turm, der einst an der Nord-West-Ecke stand, fiel 1899 bei einem Brand den Flammen zum Opfer.

 

Heute beherbergt das historische Schloss modern ausgestattete Wohnungen und die Galerie des Vereins „Kunstwestthüringer“.

 

 

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