Stinkende Schönheit

Posted by on 23. Februar 2011
Wenn die Teufelszunge ihre Blütenpracht entfaltet, muss sich der Mensch die Nase zuhalten

Ein seltenes Schauspiel ist es, wenn die Teufelszunge aus ihrer Knolle einem langen Stiel treibt und darauf einen prächtigen Kolben bildet. Dann ist sie am schönsten. Dennoch wird die Teufelszunge ausgerechnet dann aus dem Wohnzimmer verbannt. Unerträglich ist in der Blütezeit ihr Gestank nach Aas und Verwesung für die menschliche Nase.

Von Iris Henning

BOLLSTEDT.

BEACHTLICH: Stolz sind Heiko Zindler und sein Sohn Lukas auf die Blüte des Amorphophallus rivieri, der Teufelszunge. Sie ist Pflanzenart aus der Familie der Aronstabgewächse. Foto: Iris Henning

Ein Amorphophallus rivieri hierzulande zum Blühen zu bringen, lässt das Herz eines jeden Botanikers höher schlagen. Wie einen kostbaren Schatz behandelt Heiko Zindler aus Bollstedt im Unstrut-Hainich-Kreis seine exotische Rarität. Ein „höchst seltenes Ereignis“ nennt er die Blütezeit. Wobei sich die eigentliche Blüte unter dem etwa 30 bis 40 Zentimeter langen Kolben versteckt hält. Der Kolben thront auf einem etwa 60 Zentimeter langen, dicken Stiel. Kaum zu glauben, dass eine vertrocknet erscheinende, verschrumpelte Knolle bar jeder Krume Erde oder Nährstoff dieses Wunder an Wachstum und Prächtigkeit zustande gebracht hat.

Viel Zeit zum Bewundern der Schönheit bleibt allerdings nicht. Nicht nur, dass die Blütenpracht innerhalb einer Woche in sich zusammenfällt. Auch der Geruch während der Blühphase ist bestialisch. Jedenfalls für die menschliche Nase.

In ihrer natürlichen Heimat, in den Tropen und Subtropen Südostasiens, ist dieser Geruch ein biologischer Überlebenstrick der Pflanze. Fliegen fühlen sich durch den Aasgeruch des Kolbens und der fleischigen Farbe des Hochblatts magisch angelockt. Sie wimmeln in den Trichter und sorgen somit für den notwendigen Sex zur Arterhaltung, für die Befruchtung der weiblichen Blüten, die unterhalb der männlichen angeordnet sind.

Heiko Zindler hegt sein Exemplar von Amorphophallus rivieri seit etwa 20 Jahren. Aus einem Knöllchen, das kaum größer war als die Kuppe eines kleinen Fingers, entwickelte sich unter seiner Fürsorge ein pfundsschweres Prachtstück, das eine ganze Reihe von Exoten in seiner Sammlung ergänzt. Im vergangenen Jahr dankte die Teufelszunge diese jahrelange Pflege erstmals mit einer Blüte, in diesem Jahr mit einer weiteren. „Das wird wohl noch ein paar Jahre so weiter gehen“, ist sich der Botaniker sicher.

Überall löst ein solcher Exot allerdings keine Freude aus. Als Heiko Zindler kürzlich einen ähnlichen Stinkling mit an seine Arbeitsstelle, in die Beruflichen Schulen in Mühlhausen, nahm und ihn voller Stolz im Lehrerzimmer ausstellte, bekam die Pflanze energischen Platzverweis. Und auch bei sich zu Hause protestiert die Familie gegen den Aufenthalt der Teufelszunge und ähnlicher penetranten Geruchsverbreiter im Wohnzimmer. Die Exoten müssen ihre Blütezeit im kühlen Wintergarten ausleben. Die niedrigen Temperaturen dort halten den Geruch zudem in Grenzen. Auch Pflanzen scheint die Lust an der Fortpflanzung bei Temperaturen nur knapp über dem Gefrierpunkt zu vergehen.

Die Zucht von Amorphophallus rivieri ist für Botaniker dennoch kein Problem. Die Teufelszunge bildet während der Vegetationsperiode Tochterknollen. Die sind für Heiko Zindler Tauschobjekte während Treffen und Begegnungen mit anderen Botanikern. So ist er noch auf der Suche nach einem Dracocephalum, einem Türkischen Drachenkopf. Wie bei vielen Arten der Gattung Amorphophallus strömt aber auch dessen Blütenstand einen strengen Aasgeruch aus.

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