Abschied vom Berufsleben

Posted by on 2. Februar 2011
Dr. Norbert Jung legte vor 20 Jahren den Grundstein für die Dialyse in Mühlhausen

Vor mehr als 42 Jahren betrat Dr. Norbert Jung als gerade zugelassener Arzt die Medizinische Akademie Erfurt. Mit Herzklopfen begegnete der damals 25-Jährige dem strengen Rektor und Nestor des Fachgebiets Innere Medizin in der DDR, Professor August Sundermann. Abermals Herzklopfen gab es, als er etwas mehr als zwei Jahrzehnte später nach Mühlhausen wechselte, um hier ein Dialysezentrum aufzubauen. Wieder sind zwei Jahrzehnte um, wieder gibt es einen Wechsel: Der mittlerweile 68-jährige Internist und Nephrologe verabschiedet sich vom Berufsleben.

Von Iris Henning

MÜHLHAUSEN.

SEIT MEHR ALS VIER JAHRZEHNTE MEDIZINER: Dr. Norbert Jung baute das Dialysezentrum in Mühlhausen mit auf. Foto: Iris Henning

Am 4. Februar ist er genau 20 Jahre in Mühlhausen tätig. In wenigen Tagen steht sein letzter Arbeitstag vor der Tür. Dr. Jung, der im Arbeitszimmer sitzt und gerade eine Patientenakte sichtet, sagt es, als würde er über einen nahen Urlaubstermin sprechen. Er werde kurze Reisen zu literarisch und historisch interessanten Orten unternehmen, am liebsten dann, wenn sich des Abends noch ein passender Theaterbesuch anschließen ließe, erzählt er. Oder ein Konzertbesuch. Da sei er flexibel.

Er legt die Patientenakte beiseite und lächelt. „Ich werde mehr Zeit für meine Enkelkinder haben“, fügt er hinzu. Und dann sei er noch Präsident des Lion-Clubs, behalte seine Gutachtertätigkeit, und wenn in seiner Praxis an der Martinistraße Not am Mann sei, dann könnten die Kollegen auf ihn bauen.

Angst vor plötzlicher Langeweile nach Jahrzehnten eines straff gefüllten Terminkalenders hat der Mann vorgebeugt. Der Abschied vom Arztkittel kommt schließlich nicht plötzlich. Er hat sich den Termin ausgesucht, hat, seitdem seine Tochter Dr. Uta Kästner als Nachfolgerin in die Gemeinschaftspraxis mit eingestiegen ist, bereits Stück für Stück losgelassen. Der Marathonläufer in dem Akademiker würde auch sagen, er trainiere gerade ab.

Als Dr. Norbert Jung an jenem 4. Februar des Jahres 1991 nach Mühlhausen kam, stand er als berufener Chefarzt vor der Aufgabe, eine Dialyse als eine neue Abteilung des Kreiskrankenhauses aufzubauen. Mühlhausen galt bis dato als weißer Fleck auf der Landkarte für Menschen mit schweren Nierenschäden. Im einstigen, von der Staatssicherheit genutzten Gebäude an der Martinistraße 23, wurden zwölf Dialyseplätze eingerichtet. Ein halbes Jahr später holte sich Dr. Jung seinen jungen Kollegen Dr. Michael Scholl von Erfurt nach Mühlhausen. Ein weiteres Jahr später machten sie aus der Kreiskrankenhaus-Abteilung eine eigene Niederlassung – mehr gedrängt als freiwillig. Keiner der beiden wusste, wie eine Niederlassung kaufmännisch geführt werden muss. „Wir hatten Glück“, blickt Dr. Jung auf diese bewegte Zeit zurück. Mit Glück meint er, dass er gute Wirtschaftsberater an seiner Seite hatte.

Das Dialysezentrum wuchs. Immer mehr Menschen kamen zur Behandlung. Weitere Ärzte wurden in die Niederlassung aufgenommen: 1998 kam Dipl. med. Michael Hildebrandt, 2005 der Internist Jürgen Moschkau und 2008 die Internistin und Nephrologin Dr. Uta Kästner, die gewünschte Nachfolgerin für Dr. Jung. Gewachsen ist ebenso die Anzahl der Dialyseplätze. Heute gibt es 80: in der Martinistraße, im ambulanten Zentrum am Blobach, in Bad Langensalza in der Alleestraße sowie Akutplätze in den Krankenhäusern in Mühlhausen und Bad Langensalza. Die Zahl der Mitarbeiter wuchs von zwölf auf 49.

„Hätte ich damals einschätzen können, dass sich der Bedarf einmal so entwickelt, hätten wir ein größeres Objekt für unsere Niederlassung gewählt oder angebaut“, blickt Dr. Jung sinnierend aus dem Fenster über die Dächer der Stadt. Die Dezentralisation macht die Organisation des Betriebsablaufes nicht eben einfach. Dann blickt er wieder auf und lächelt: „Hauptsache, wir können alle Patienten gut versorgen.“

Das war nicht immer so. Zu Zeiten der DDR, als in Mühlhausen an kein Dialysezentrum zu denken war, konnte aus Kapazitätsmangel nicht jeder Patient mit schweren Nierenschäden behandelt werden. Wenn Dr. Jung nun seinen Abschied nimmt, dann mit dem guten Gefühl, dass das ein Stück Vergangenheit ist.

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