Wenn die Wörter wegbleiben

Posted by on 23. Oktober 2010
Die Tübinger Schauspielerin und Autorin Petra Afonin widmet sich mit „Ich bin das noch“ der Demenz

MÜHLHAUSEN.

„Ich bin das noch“, sagt die zierliche alte Dame. Graue Haar umrahmen ihr zartes, faltiges Gesicht. In sich zusammengesunken sitzt sie in ihrem Sesselchen, umgeben von Dunkelheit und Einsamkeit. Immer öfter gehen ihre Gedanken unkontrolliert und ungefragt ihre eigenen Wege, kommen ab vom Pfad, was man eigentlich sagen wollte. Hilflos ringt die alte Dame nach den passenden Wörtern, nach den richtigen Sprichwörtern. Ebenso hilflos wartet sie auf Horst, ihren Horst, den es vermutlich schon lange nicht mehr gibt. Der Schleier des Vergessens legt sich immer öfter über ihren Verstand, über ihr Wissen. Aber: „Ich bin das noch“, sagt die alte Dame, mal selbstbewusst, mal traurig. Und manchmal zornig, weil sie spürt, wie die Worte wegbleiben und es immer dunkler im Oberstübchen wird.

Die Tübinger Schauspielerin Petra Afonin schlüpfte in die Rolle der demenzkranken Dame. In einem sensiblen Monolog lässt sie das Publikum fühlen, dass trotz des Vergessens eine Persönlichkeit bleibt, dass da ein Mensch sitzt, der sehr wohl was mitkriegt.

Es sind authentische Texte von demenzkranken Männern und Frauen, mit denen Petra Afonin arbeitet. In deren Lebensumfeld recherchierte die Schauspielerin und Autorin für ihr Theaterprojekt „Ich bin das noch“. Darin kommen auch die Angehörigen der Kranken zu Wort, deren Sorgen und Nöte und Wünsche und Sehnsüchte.

Einfühlsam begleitet wird die Schauspielerin während ihres Auftritts von Susanne Hinkelbein am Klavier. Mit Fetzen von bekannten Liedern, die plötzlich in ein anderes Lied münden, unterstreicht die Pianistin die Gedächtnislücken und Gedankensprünge. Musik und Monolog berühren das Publikum. Zutiefst nachdenklich und mit anderen Einblicken in die Welt der Demenzkranken und in die Bedeutung der Gegenwart verlässt es die Spielstätte Kilianikirche.

Diese Nachdenklichkeit ist ganz im Sinn der Schauspielerin, die den kranken Menschen eine öffentliche Stimme gibt und Fragen im Raum stehen lässt: Wie gehe ich mit den Betroffenen um? Wie lerne ich sie besser kennen? Wie kann ihr durch Gedächtnisverlust beeinträchtigtes Leben lebenswert gestaltet werden?

Eingeladen zu der Vorstellung „Ich bin das noch“ gestern Abend hatte der Kreisverband Mühlhausen der Arbeiterwohlfahrt (Awo). „Wir wollen das Thema Demenz zu einem öffentlichen Thema machen“, sagte Walter Pilger, der Vorsitzende der Awo. So setzt die Awo derzeit ein in Thüringen einmaliges Wohnprojekt für Demenzkranke um. In Körner entsteht für sie eine betreute Wohnform. Ende des Jahres sollen die Ersten einziehen können.

Iris Henning

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