Eine Stadt erfindet sich neu

Posted by on 30. September 2010
Die nordfranzösische Partnerstadt Tourcoing ist dabei, aus der Lethargie zu erwachen

Die nordfranzösische Partnerstadt von Mühlhausen, Tourcoing, an einem Sonntagvormittag: In der Kirche von St. Christopher wird die Messe gehalten. Aus dem hohen Glockenturm ertönt die Musik des Carillon. Sie klingt gar nicht nach Kirchenmusik, eher nach Unbeschwertheit. Der Carillonneur muss in Hochform sein. Vielleicht sieht er gerade die jungen Damen, die mit frechen Hüten und mit jugendlichem Kichern durchs Städtchen spazieren.

Von Iris Henning

TOURCOING.

Vielleicht widmet er die Melodien aber auch diesem Spätsommertag und diesem Stadtbild. Es ist so ganz anders als vor drei, vier Jahren. Damals erinnerte ein Sonntagvormittag in Tourcoing an eine schläfrige, träge und in die Jahre gekommene Provinzdame, die nichts mehr von der Zukunft zu erwarten schien. Das Leben war gelaufen. Vorbeigelaufen.

Und heute? Die Provinzdame ist gar nicht mehr träge. Ein fröhliches Lachen hat sie aufgesetzt. Vor der Kirche drehen sich die Karussells, in den Cafés sitzen Damen und Herren, junge und alte Leute flanieren auf dem Boulevard auf und ab. Es herrscht Volksfeststimmung.

Tourcoing, so scheint es, ist dabei, aus der Lethargie zu erwachen. „Die Stadt soll wieder bürgerfreundlich werden. Den Menschen soll es wieder Spaß machen, in der Innenstadt zu wohnen und zu leben“, erklärt uns unser Freund, Monsieur Diedier Verschelde.

Er und ich kennen uns seit einer Ewigkeit. Als 13-Jähriger gehörte er zu einer Schar Kinder aus Tourcoing, die zwei Wochen ihrer Schulferien in Mühlhausen verbrachte. Schon damals sprach er gut Deutsch. Heute – er ist mittlerweile 53 – unerrichtet er Deutsch an einer französischen Hochschule und wohnt in einem kleinen, gepflegten Vorort der Stadt. Regelmäßige Besuche unserer Familien sind seit der gewonnenen Reisefreiheit lieb gewordene Selbstverständlichkeiten. Kleine Abstecher nach Tourcoing gehören dazu.

Wie leer gefegt begegnete uns bislang diese Stadt meistens. Nichts los im Zentrum. Die meisten Geschäfte waren längst auf die „grüne Wiese“ umgesiedelt, in die Hallen der Supermärkte, dorthin, wo die Blechlawinen von Autos die Menschen in Massen ausspuckt. Die Innenstadt war zur Durchgangsstraße für die Blechlawinen mutiert.

Und heute? Aus der mehrspurigen Straße, die am Rathaus vorbeiführte, ist ein großzügiger Platz geworden. Junge Bäume sind gepflanzt. Bänke bieten Ruhepunkte. Eine moderne Metro-Station mündet mitten in die Innenstadt, am Place da la Republique, am Platz der Republik. Als Glas-Stahl-Beton-Konstruktion im schwungvollen Bogen bietet sie einen kontrastreichen Anblick unmittelbar neben der Kirche St. Christopher aus dem 15./16. Jahrhundert. Städtebaulich geschickt angelegt sind der Straßenbahnhaltepunkt und der Busbahnhof, nur wenige Schritte entfernt. Aus alten, verlassenen Fabrikgebäuden entsteht moderner Wohnraum. Diese sogenannten Lofts sind besonders bei jungen Leuten sehr beliebt.

„Tourcoing se reinvente“, ist allerorts auf Werbebannern zu lesen. „Tourcoing erfindet sich neu“, übersetzt Monsieur Verschelde, was so viel bedeute, dass sich Tourcoing Gedanken über eine lebenswerte Zukunft mache. Das zeigt bereits Wirkung. Die Einwohner sind dabei, ihre Stadt neu zu entdecken. Erste Supermärkte denken bereits darüber nach, Filialen in der Innenstadt einzurichten.

Tourcoing scheint auf gutem Weg, die Schlafphase hinter sich zu lassen. Wir jedenfalls sind schon heute neugierig auf unseren nächsten Besuch in zwei, drei Jahren.

Zahlen & Fakten

In der Stadt Tourcoing leben etwa 93000 Einwohner.

Die statistische Haushaltsgröße beträgt 2,6 Einwohner je Haushalt.

Jeder dritte Einwohner in Tourcoing hat bereits das Rentenalter erreicht.

39 Prozent der Bevölkerung ist jünger als 25 Jahre. Das Durchschnittsalter beträgt derzeit 35 Jahre.

Tourcoing zählt zu den armen Regionen in Frankreichs. Im Ranking der 24380 Städte liegt Tourcoing auf Platz 18652.

33 Prozent aller Haushalte verfügen über ein Einkommen von weniger als 800 Euro im Monat. 17 Prozent der Haushalte haben zwischen 800 und 1100 Euro pro Monat zur Verfügung. Lediglich zwei Prozent der Familien haben ein monatliches Spitzeneinkommen zwischen 4000 und 8000 Euro.

Die Arbeitslosenquote liegt zwischen neun und zehn Prozent.

Die meisten Arbeitsplätze gibt es im Kleinhandel, im Versandhandel, in der Baubranche, im Gesundheits- und Sozialwesen sowie in der Textilbranche.

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