Grüße von Monsieur Impe

Posted by on 6. September 2010
Eine unverhoffte Begegnung mit einem Mühlhausen-Freund in der Partnerstadt Tourcoing

Bonjour Monsieur, ça va? Guten Tag, Monsieur. Wie geht es Ihnen? Erstaunt blickt der Mann um sich. Doch, er ist gemeint. Weit und breit kein anderer Monsieur zu sehen. Sein Blick verrät vorsichtiges Misstrauen. Was will diese Ausländerin von ihm, dem älteren Herren, der in der vermutlich schmalsten und unscheinbarsten Gasse der Stadt wohnt, im Türrahmen lehnt und gerade die Sonntagvormittagsonne genießt?

Von Iris Henning

TOURCOING.

Monsieur Daniel Impe und seine Frau Jocelyne grüßen Mühlhausen

Ich stelle mich vor, erzähle, dass ich aus Mühlhausen komme, der Partnerstadt von Tourcoing und will wissen, ob er Mühlhausen kennt. Die Mine des Herren im Türrahmen hellt sich sichtlich auf. Mühlhausen? Thüringen? Voilà, Madame. Natürlich kenne er Mühlhausen. Ende der 70er Jahre habe er diese schöne Stadt besucht. Damals sei er Stadtrat von Tourcoing gewesen und habe dafür gestimmt, den bereits bestehenden Freundschaftsvertrag zu bekräftigen. Schade sei allerdings gewesen, dass die gegenseitigen Austausche sehr begrenzt waren und sich im wesentlichen auf Besuche französischer Gäste in Mühlhausen beschränkten. Naja. Die eingeschränkten Reisebedingungen der DDR ließen eben nichts anderes zu.

Andere Zeiten damals, erinnert er sich, auch in seinem Land. Er

Im Rathaus stimmte Daniel Impe seinerzeit der Fortsetzung des Freundschaftsvertrages mit Mühlhausen in der DDR zu.

weist auf das Fabrikgebäude in der Nachbarschaft. Dort war einst ein florierendes Textilunternehmen, die Weberei „Charles et François Flipo“, ansässig. Wie geduckt liegt davor dieses Gässchen, in dem er, Monsieur Daniel Impe, wohnt. Als Arbeiterwohnungen seien die Reihenhäuschen lange vor seiner Zeit entstanden. Sein Großvater habe Anfang des 20. Jahrhunderts das Glück gehabt, in solch ein Häuschen, zu dem auch ein Gemüsegärtchen gehörte, einziehen zu dürfen. Fünfzig Quadratmeter Wohnfläche – welcher Arbeiter hatte das damals schon? Später habe sein Vater darin gewohnt und nun sei er die dritte Generation der Impe-Familie. Auch er habe Arbeit in der Fabrik gefunden, bis in die 60er Jahre hinein. Dann schloss der Betrieb, wie viele in Nordfrankreich. Textilindustrie lohnte sich nicht mehr. Fast alle Kollegen, die bis dahin in dem Gässchen wohnten, hätten die Gegend längst verlassen. Heute sei er der einzige der „Alten“, der geblieben ist.

Monsieur Impe lächelt, als er seine Geschichte erzählt. Er ist im Ruhestand, sein Leben ist geregelt. Er freue sich, lässt er wissen, dass die Freundschaft zu Mühlhausen schon so lange bestehe und dass es der Zufall so eingerichtet habe, dass an so einem schönen Spätsommertag ein Gruß aus der Partnerstadt direkt zu ihm an die Haustür gekommen sei. Das sei eine schöne Überraschung. „Grüßen Sie Mühlhausen herzlich von mir“, sagt er zum Abschied.

Das mache ich gern.

(Ich danke meinem Freund Monsieur Didier Verschelde herzlich dafür, dass er mir während meines Tourcoing-Besuchs als freundlicher Dolmetscher zur Seite stand.)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.