Kunst, Kram und Kitsch

Posted by on 5. September 2010
Zwei Tage lang ist die nordfranzösische Metropole Lille ein riesiger Flohmarkt für ein Millionenpublikum

Einmal im Jahr platzt die Innenstadt von Lille aus allen Nähten. Am ersten Wochenende im September verwandelt sie sich in einen riesigen Trödel- und Antiquitätenmarkt und wird zum Treffpunkt für ein Millionenpublikum aus ganz Europa.

Von Iris Henning

LILLE.

Zwei Millionen Besucher werden erwartet. Das ist die Schlagzeile, die an diesem Wochenende die Nachrichten in den lokalen Medien Nordfrankreichs bestimmt. Auf den Straßen in Lille ist es nicht nur laut und schrill, sie sind auch hoffnungslos verstopft. Nicht vom Verkehr. Für Autos ist an diesem Wochenende die Innenstadt gesperrt. Es sind zeig Tausende von Menschen, die sich durch die Straßen und über Plätze drängen und schieben. Niemand scheint schlecht gelaunt, wenn er für Minuten im Stau steckt. Es ist gewonnene Zeit zum Plaudern mit dem unbekannten Nachbarn.

Wer an diesem Wochenende in die Metropole kommt, weiß, was ihn erwartet – ein einziges Gewühl. Alles was sich irgendwie verkaufen lässt, wird in den Straßen angeboten.  Die Bradeurs (Flohmarktverkäufer), Einwohner von Lille und professionelle Flohmarkthändler aus ganz Europa kommen schon einige Tage vorher, um sich die besten Plätze entlang der Innenstadt mit ihren Autos und Campingwagen und Zelten zu reservieren. Über 100 Kilometer misst die Flohmarkt-Meile, wenn man alle Bürgersteige, an denen etwas angeboten wird, aneinander reihen würde. Auch Händler aus Deutschland bevölkern diese Meile. Einer wird vom französischen Fernsehsender interviewt. Was er denn aus Deutschland mitgebracht habe, wollen die Reporter wissen. Nichts, antwortet der Händler ganz ungeniert. Er komme stets ganz früh, erzählt er auf französisch, suche sich das Beste aus, um es am anderen Ende des Flohmarktes für wenigstens das Doppelte wieder zu verkaufen. Das funktioniere seit Jahren gut, hat der Listige seine Erfahrungen gesammelt.

Typisch ist das allerdings nicht. Trödel und Antiquitäten, Kunst, Kram und Kitsch werden von den Händlern mitgebracht, oft über eine Distanz von mehr als 1000 Kilometern. Ob alte gusseiserne Öfen, antike Spiegel, Gemälde mit Jahrhunderte alter Patina, ausgediente Pflegebetten, Geh-Hilfen, Brillen oder Gartenzwerge, Porzellanfigürchen und Plüschtiere mit Kulleraugen – hier scheint es nichts zu geben, was es nicht gibt. Um zu finden, was man sucht, braucht man mindestens drei Dinge: Zeit, Ausdauer und Verhandlungsgeschick.

Die „Braderie de Lille“ findet bereits seit dem Mittelalter statt. Zuerst boten die fahrenden Händler ihre Restbestände zu Schleuderpreisen an, später beteiligten sich die örtlichen Kaufleute an der Braderie, um ihre überflüssig gewordenen Bestände zu verbilligten Preisen zu verkaufen. Später pflegte das Hauspersonal die abgelegten Kleider und die nicht verwendeten Geschenke ihrer Herrschaften hier zu verkaufen.

Heute ist die Braderie de Lille ein gigantisches Volksfest und zieht jedes Jahr über eine Million Besucher aus ganz Europa an, jeder auf der Suche nach irgend Etwas. Zu den kulinarischen Spezialitäten gehören übrigens die „moules frites“ – Miesmuscheln mit Pommes Frites. Gleichzeitig mit dem Markt findet stets ein großes Muschelwettessen statt, Sieger ist das Restaurant, das am Ende den größten Berg aus Muschelschalen vor der Tür hat.

Aber nicht nur davon gibt es Berge. Auch der Verpackungsmüll türmt sich an manchen Ecken und Enden zu ungeahnten Ausmaßen. Doch nur kurze Zeit später ist davon nichts mehr zu sehen. Lille putzt sich schnell wieder heraus, ist wieder das schmucke Vorzeige-Lille, eine stolze und moderne Großstadt mit vielen historischen Sehenswürdigkeiten. Lediglich an zwei Tagen im Jahr rücken die in den Hintergrund, werden von den Besuchern schlichtweg ignoriert. Das überwältigende Flair der „Braderie de Lille“, des größten Flohmarkts Europas, kann eben kein noch so gigantisches E-Bay ersetzen. Die über zwei Millionen Besucher des diesjährigen Flohmarktes dürften eine Rekordzahl gewesen sein.

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