Der lange Ritt

Posted by on 31. August 2010
Zwei Schlotheimer leben ihren Traum und machen sich auf den Weg zur Ostsee

Die Pferde sind gesattelt und die Satteltaschen gepackt. In der Manteltasche steckt die Wegskizze. Gut und gern 500 Kilometer liegen vor Dieter Bernhardt und Ines Pfeil und ihren Pferden Scheriko und Sarah. Drei Wochen werden sie unterwegs sein, bis sie am Ostseestrand sind. Am 1. September brechen sie auf.

Von Iris Henning

HOHENBERGEN.

Keine Autobahn, keine Bundesstraßen. Der Weg von Hohenbergen nach Boltenhagen führt fast ausnahmslos über Wiesen, Feld- und Waldränder. Ohne Hast und Eile wird der zurückgelegt. Die drei Wochen Urlaub sollen Schongang sein für Mensch und Tier. Die Uhrzeit soll keine Rolle spielen. Der Tag wird anders eingeteilt. Dort, wo fette Wiesen stehen und Futter für die Tiere bieten, wird Rast eingelegt. Pausen gibt es, wenn sich der kleine Hunger meldet. Das Zeltlager wird aufgebaut, wenn es sich anbietet. Der duftende Morgenkaffee wird über dem Lagerfeuer zubereitet und aus Blechtassen getrunken. Die auf Google ausgespähten Reiterhöfe werden dann und wann die Luxusherbergen sein mit richtigem Bett und Dusche – und Kraftfutter für die Pferde.

Der lange Ritt ans Meer riecht nach Abenteuer. Es ist Dieter Bernhardts lange geträumter Wunschurlaub. Einmal leben wie ein Cowboy, unbeschwert vom zwanghaften Ticken der Alltagsuhr und – das auch – unbeschwert vom Alltagswohlstand. Einmal ein paar Wochen fort sein mit dem Pferd, mit dem wenigen auskommen, was Mensch und Tier zum Leben brauchen. Und einmal am Strand durch den leichten Wellengang reiten, dass es spritzt. „Darauf habe ich mich seit einigen Jahren schon gefreut“, erzählt der Schlotheimer, der in seiner Freizeit meist mit Cowboy-Hut und Westernstiefel auf seiner kleinen Ranch in Hohenbergen anzutreffen ist. Es scheint, dass er dort sein eigentlich richtiges Leben führt und das gut-bürgerliche lediglich die gesellschaftlich notwendige Kulisse ist. Das glaubt der Schlotheimer Cowboy, der als Schwimmmeister sein Geld verdient, manchmal selbst. „Ich bin wohl in die falsche Zeit und in den falschen Ort hineingeboren“, sagt er.

Aber nun hat der Cowboy Urlaub, gibt seiner Sehnsucht nach. „Wenn man Träume hat, soll man sie auch leben“, ist seine Philosophie geworden. Und mit 62 Jahren sei es höchste Zeit.

Gefährtin auf seinem langen Ritt ans Meer ist ihm Ines Pfeil. Wie er, gehört auch sie dem Western Reit- und Fahrverein in Hohenbergen an. Wie er liebt auch sie die nostalgische Romantik des Wilden Westens. Als die Tierpflegerin von den Plänen des Cowboys hörte, habe für sie festgestanden: Da komme ich mit.

So reiten Dieter Bernhard und Ines Pfeil am 1. September los. Maximal 30 Kilometer lang ist eine Tagesstrecke, gut auszuhalten für Mensch und Tier. Das Gepäck ist sorgsam ausgewählt. Mehr als 100 Kilogramm Gewicht – einschließlich Reiter und Sattel – kommt nicht auf den Pferderücken.

Etwa 15 Stationen haben die Wild-West-Romantiker auf ihrem Weg eingeplant. In der Mitte der Tour wird es eine dreitägige Pause geben – Erholung für die Beine der Pferde und die Allerwertesten der Reiter. Zeit für ausgiebige Ausritte soll es am Ostseestrand geben.

Spätestens am Meer wird wohl der nächste Traum von Dieter Bernhardt heranreifen: ab in die Masuren, wo Wälder, Wasser und weites Land warten. „Ich bin ja bald Rentner“, lacht der blonde Lockenkopf und schwenkt zum Abschied seinen Cowboyhut.

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