Alles im Fluss

Posted by on 11. August 2010
Mit dem Kanu von der Unstrut, über die Saale in die Elbe

330 Kilometer liegen hinter uns. Auf den meist gemütlichen Flüssen Unstrut, Saale und Elbe haben wir sie durch Thüringen und Sachsen-Anhalt hinter uns gelassen. Zehn Tage Zeit haben wir uns für dieses „Blaue Band“ gelassen. Jeder Kanusportler kann darüber nur leise lächeln. Für sie ist eine solche Distanz eine Angelegenheit von zwei, drei Tagen. Doch wir sind Genusspadler.

Von Iris Henning

Gut fünf Jahre sind wir, die auf der Höhe im Unstrut-Hainich-Kreis und damit weit weg von der Flusslandschaft wohnen, Besitzer eines Faltbootes. Die Zeiten, in denen es zum Einsatz kommt, sind rar. Lediglich Seenlandschaften hat unser Boot bislang kennen gelernt.

In diesem Jahr sollte es seine erste Bekanntschaft mit Flüssen machen. Unser Plan: Vom Bruder mit dem Auto die gut vierzig Kilometer bis zur Einsatzstelle an der Unstrut bringen lasse, dort Boot aufbauen, Sack und Pack und uns verstauen und dann treiben lassen – bis Naumburg, dort in die Saale, weiter bis Barby, zur Elbmündung, und dann noch den Katzensprung bis Magdeburg. Für die Heimreise wollten wir den Zug nehmen.

„Mit dem Gepäck schafft ihr das nie, mit dem Zug zu reisen“, zweifelt schon mein Bruder, als er uns nahe Herbsleben – das ist 50 Kilometer nach der Unstrutquelle in Kefferhausen – aussetzt und drückt mir die „Notfallrufnummer“ in die Hand.

Tatsächlich sieht unser Bootsablegeplatz binnen Minuten vollgepackt aus, als wollten wir auf mehrmonatige Expedition an den Mississippi gehen: Zelt, Schlafsäcke, Kochgeschirr, mindestens acht mit Klamotten und Proviant vollgestopfte sogenannte Wassersäcke und zwei Rucksäcke.

Endlich ist unser Boot aufgebaut und alles gut verstaut. Es kann losgehen.

Leider gibt es über diesen Teil der Unstrut keine guten Wasserkarten. Der Grund scheint das Rückhaltebecken bei Straußfurt zu sein. Boote sind dort ausnahmslos nicht erlaubt. Für den braven Wasserwanderer steht nun die Tortour an, sein Schiffchen einen guten Kilometer weit auf dem Landweg zu transportieren. Die weniger Braven riskieren eine Ordnungsstrafe.

Wir jedenfalls sind froh, uns über das Internet mit dem Wissen des „Blauen Band“ versorgt zu haben. Denn auch nach Straußfurt hält die Unstrut für Unkundige ihre Tücken bereit. Die sind keine Untiefen, aber Wehre und andere kleine Hindernisse wie plötzliche Schwallstrecken. Die fehlende Kilometrierung macht eine Orientierung auch nicht einfach. Dafür führt dieses Flüsschen durch urig schöne Wasserlandschaften, schlängelt sich an Dörfern und Städtchen vorbei. Immer wieder faszinierend sind die Bilder aus der für uns ungewohnten Perspektive: die Begegnung mit den Wasservögeln fast auf Augenhöhe, das schnelle Vorbeihuschen des Bibers, das scheinbare Desinteresse, mit dem uns die Enten vom sicheren Ufer uns beobachten.

In vier Tagen sind wir in Naumburg. Längst hat die Unstrut an Umfang zugenommen. Aus dem schmalen Flüsschen ist ein Fluss geworden, der nun seinerseits dafür sorgt, die Saale ein Stück dicker werden zu lassen. Erste Ausflugsboote begegnen uns – und wir, die mit dem „Falter“ unterwegs sind, werden unerwartet zum begehrten Fotomotiv.

Faltboote scheinen selten unterwegs zu sein. Trotz schönstem Sommerwetter und Hauptferienzeit begegneten wir auf der Unstrut keinem. Auch auf der Saale und später auf der Elbe bleiben wir die „Falter-Exoten“ und unser Boot wird an den öffentlichen Anlegeplatz ordentlich bestaunt. Aber auch Anlegeplätze sind rar. Bei jeder Schlafplatzsuche danken wir im Geheimen den Machern der Blauen-Band-Internetseite. Bei den aufgeführten Kanu-Clubs sind wir stets willkommene Gäste. Leider können aber auch die Clubs nicht unseren stets wachsenden Appetit auf einen Eis-Kaffee oder andere erfrischende Köstlichkeiten erfüllen. Wer mit dem Kanu auf dem Fluss ist, muss solche Genüsse entbehren können. Fluss-Cafés müssen – bis auf wenige Ausnahmen – noch erfunden werden.

Der Reiz solcher Touren liegt woanders: in vielen Begegnungen mit stillen, romantischen und täglich wechselnden Landschaften und mit der Natur. Überraschte uns das Unstrut-Ufer mit üppiger und mit bis in die Flussmitte wuchernde Vegetation, waren es am Elbe-Ufer feine, unberührt wirkende Sandstrände. Wäre aus der Ferne nicht immer von irgendwoher ein Geräusch der Zivilastion vorgedrungen, hätte man sich mitunter schon in einer Weit-weg-Wildnis oder an der Ostsee wähnen können.

Mit solchen Tagträumen beladen nehmen wir nun zusehends Kurs auf Magdeburg. Die mit etwas Bange erwarteten Transportschiffe, deren Bugwellen einem Faltboot ziemlich zusetzen können, bleiben selten. Und auch die Notrufnummer für unsere Heimreise haben wir nicht gebraucht – etwas mehr Platz im Zug schon. Für uns, unser Faltboot im Packsack, und die zwei Tourenrucksäcke, in denen Zelt, Kochgeschirr & Co. verstaut waren.

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