Freude am Augenblick

Posted by on 6. August 2010

In immer mehr Höfen sagen sich Natur und Architektur mittlerweile Guten Tag. Was einst als Wirtschaftsfläche und -gebäude geplant und angelegt wurde, ist vielen Menschen heute die lustvolle Verlängerung der persönlichen Wohnräume. Höfe verwandelten sich besonders in den letzten Jahren zu grünen Oasen der stillen Lebensfreude und zu Stätten der Begegnung für die ganze Familie, mit Freunden und Bekannten. Einblicke in diese meist versteckten Refugien hinter den Häusern will diese Serie geben.

Von Iris Henning

SOLLSTEDT.

Zwanzig Schritte lang, zwanzig Schritte breit. Aus Sicht eines Städters sind die Abmessungen im Hof der Familie Hesse geradezu großzügig. „Zu groß, wenn Schnee geschippt werden muss“, merkt die Hausherrin, Elke Hesse, an. Der jüngste Winter war besonders arbeitsreich. Ehe das Auto aus der Garage gefahren werden konnte, um an die Arbeit zu kommen, hieß es oft, den Schnee zu räumen. „Der Winter hat auch viel kaputt gehenlassen“, trauert Elke Hesse so mancher Pflanze nach. Den Efeu hat es zum Glück nicht erwischt. Er hat sich an der rechten Gebäudewand aus rotem Mauerwerk festgewachsen, umrahmt ein Stallfenster, lässt es romantisch aussehen.

Tiere wohnen nicht mehr in diesem früheren Stall. „Das ist lange her“, winken die Hesses ab. Vollzeitjobs in der Stadt und ein zu bewirtschaftender Garten lassen keine Zeit für Pferde, Kühe, Schweine und Schafe, wie sie die Großeltern noch hatten. Nur von der Geflügelhaltung haben sie sich nicht getrennt. Das liebe Federvieh „wohnt“ im Garten. An die Zeit der Großtierhaltung erinnern noch ein Pferdegeschirr. Als Zierrat hängt es inmitten der geweißten Toreinfahrt.

Überflüssig sind die Stallungen dennoch nicht. Werkstatt, Gartengeräte und Co. beanspruchen für sich den Platz. In Rente geschickt wurde dagegen der alte Handpflug der Großeltern. Das museale Stück hat einen ehrenvollen Ruheplatz inmitten des Hofes bekommen. Mit Farbanstrich gegen Wind und Wetter geschützt, ist es schöner Blickfang auf dem wohnlich hergerichteten Platz, der wie früher noch von allen vier Seiten von Gebäuden umgeben ist und dank seiner Ausmaße keinesfalls eng wirkt, eher in eine gewisse Geborgenheit hüllt.

Auch ein Lieblingseckchen haben sich die Hesses eingerichtet: Wer an diesem Esstisch unmittelbar vor den Ziersträuchern sitzen darf, genießt den Blick über den gut erhaltenen und liebevoll gepflegten Hof. Elke und ihr Mann Detlef Hesse sitzen nur selten an dem Tisch. „Keine Zeit“, verweisen beide auf den strengen, von Arbeit geprägten Tagesrhythmus. Haus und Hof verlangen Tribut, um schön und gepflegt zu bleiben. Viel umgestaltet haben die Hesses in den letzten Jahren zudem. Das Haupthaus, ein schöner Fachwerkbau, wurde modernisiert. Und als die Seitenflügel ihre Sanierung forderten, wurde von ihrer Höhe gleichzeitig ein Stück genommen. Der Gewinn ist mehr Licht im Hof. Behutsam und mit Geschick gingen die Bauherren vor. Schließlich ist ihr Hof ein Anwesen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Der Charakter von einst wurde bewahrt. Dazugesellt hat sich ein Stück Lebensfreude, die aus der Perspektive von vor gut 150 Jahren sicherlich ein Stück überflüssigen Luxus darstellen. Heute gestalten Ziersträucher und Blumenschmuck diesen Hof in einen zusätzlichen Wohnraum.

Auch, wenn Elke und Detlef Hesse nur wenig Zeit haben zum Genießen, ist es ihnen eine Freude, die schönen Augenblicke einzufangen.

DIASCHAU

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