Was blieb, war Sprachlosigkeit

Posted by on 14. Juni 2010
Mühlhäuser Bürger lasen auf 3K-Bühne aus nationalsozialistischen Dokumenten

Betretenes Schweigen. Die Sprachlosigkeit hängt für dicke, klebrige Sekunden spürbar in der Luft. Nach und nach erheben sich die Zuschauer von ihren Plätzen und verlassen die Stätte der szenischen Lesung. Immer noch sagt niemand ein Wort.

Von Iris Henning

MÜHLHAUSEN.

Mütter mit dem richtigen Blut als aufopferungsbereite Gebärmaschinen für strammen Soldatennachwuchs. Männer, denen künftig die Bigamie schmackhaft gemacht werden soll, damit jede gebärfähige Frau dem Land mit Nachwuchs dienen kann. Denn längst herrscht bei den Führenden die Gewissheit, dass der Krieg die jungen Männer in Massen umkommen lässt und Millionen Frauen und Kinder vergeblich auf die Heimkehr ihrer Männer und Väter warten. Noch sind diese Auslassungen Hitlers zur Geburtenregelung nach dem Endsieg, verfasst im Januar 1944, nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Dieser Plan wäre nicht gut gewesen für die Moral der noch kämpfenden Soldaten und der sich sehnenden Frauen.

Hans und Sophie Scholl sowie Christoph Papst, die Mitglieder der „Weißen Rose“, werden im Februar 1943 wegen Verrats zum Tode verurteilt ohne Rücksicht darauf, dass der Student Papst eine Witwe mit zwei Kleinkindern und einem Säugling zurücklässt.

Schillers „Wilhelm Tell“ wird abgesetzt, denn die Schweiz passt nicht in die Kulturpolitik der Nazis.

Wie der Neutralität verpflichtete Nachrichtensprecher lesen die Mühlhäuser Dr. Helge Wittmann, Ruthild Vetter, Marion Walther, Astrid Faber, Oberst A.D. Wolf Biewald und Carsten Oehlmann aus Dokumenten, die aus der Zeit der Zeit der nationalsozialistischen Machtergreifung, am 30. Januar 1933, bis ein Jahr vor Ende des Zweiten Weltkrieges reichen. Videosequenzen zeigen schlaglichtartig Dokumentaraufnahmen aus jener Zeit. Goebbels gestikuliert, Soldaten ziehen in die Schlacht.

Es sind die Ungeheuerlichkeiten, die heute schockieren, und die damals, vor mehr als 70 Jahren, Millionen von Menschen manipulierten und zum Jubeln brachten.

Die Ungeheuerlichkeiten brauchen keinen Kommentar. Sie kommen mit der betonten Sachlichkeit der Sprecher aus. Sie haben hinter einer transparenten Leinwand Platz genommen, was der Lesung etwas Gespenstisches gibt. Ein mörderisches Gespenst war diese Zeit. Mit zwölf tiefen Anschlägen auf einer Gitarre begann die Lesung. Es klang wie das Einläuten der dunklen, mitternächtlichen Stunde.

Die szenische Lesung am Sonntagabend in der 3K-Spielstätte Kilianikirche war ein Begleitbeitrag des Vereins 3K zur Anne-Frank-Ausstellung. Diese Lesung jagte mehr als einen Schauer über den Rücken. Sie entließ ihre Zuhörer und Zuschauer in tiefe Betroffenheit.

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