Der letzte Böttcher

Posted by on 19. März 2010

Besenbinder und Scherenschleifer, Töpfer und Schmied, Seiler und Korbflechter: Einst waren deren Zünfte in hiesiger Region weit verbreitet. Heute sind diese und andere traditionelle Handwerke rar geworden. Diese Serie soll eine kleine Führung durch das vielfältige Spektrum der Handwerkskunst im Unstrut-Hainich-Kreis sein und typische Produkte und Handfertigkeiten vorstellen. Sie will ein Stück der Faszination der Arbeiten, der Schönheit der Formen und Farben, der Exaktheit der meisterlichen Arbeiten und der Vielfalt der Ideen einfangen. So in der Werkstatt des Böttchermeisters Peter Stauch.

Von Iris HENNING

BOLLSTEDT.

Was ist ein Böttcher? Es wird wohl nicht mehr lange dauern, bis so mancher ernsthaft überlegen muss, ob diese Frage tatsächlich auf einen Beruf zielt oder einen weit verbreiteten Zunamen meint. Böttcher ist ein Beruf, den es wahrscheinlich bald nicht mehr geben wird. Handgemachte Fässer aus Holz sind kaum noch gefragt. Die meisten Keltereien stellten schon Mitte der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts auf die pflegeleichteren Fässer aus Aluminium um. Ein echtes Eichenfass für Barrique-Weine wird zunehmend zur Rarität.

An solchen Eichenfässern baute einst Böttchermeister Peter Stauch aus Bollstedt mit. Fässer aus der Region um Mühlhausen waren im ganzen Land gefragt. 5000-Liter-Fässer waren die Spezialität. Liegt so eins auf dem Boden, ist es immer noch höher als ein kräftiger Mann groß ist. An Tausenden solcher Fässer arbeitete der Meister mit. Wie viel es genau waren, weiß er nicht. Gezählt hat er sie nie. Dazu war wohl auch kaum Zeit. Die Nachfrage war stets groß und ein Böttcher hatte sommers wie winters alle Hände zu tun. Von der Auswahl des Holzes im Wald, dem Fällen der Bäume, der richtigen Lagerung bis hin zur Verarbeitung zu Fässern lag alles in dessen Händen.

Zu den Giganten zählt aber so ein beeindruckendes 5000-Liter-Fass nicht. „Da gibt es ganz andere Kaliber“, erzählt Peter Stauch vom Fassbau. So manches erreicht Höhen um die fünf Meter, liegend, wohlbemerkt. Beeindruckt sei er auch vom Weinkeller in der ukrainischen Stadt Kischinjow. Dorthin wurden er und einige seiner Kollegen schon einmal als Spezialisten gerufen, um leck gewordene Fässer zu reparieren. „In diesem Keller war der rote Teppich ausgerollt“, erinnert er sich. Viel mehr beeindruckt war er vermutlich davon, dass dort traditionell wie zur Zeit der letzten, russischen Zaren die Weine nach Art des Portweins, Sherry und Madeira hergestellt wurden. Und wenn ein Böttchermeister sonst kaum Gelegenheit hat, einen guten Tropfen zu probieren: dort schon.

Geschichte. Ebenso wie die Zeit, als große Fässer während der 1.-Mai-Umzüge, auf Lastwagen gepackt, durch Mühlhausen gefahren wurden. Bis Mitte der 80er Jahre war auch der letzte Fass herstellende Betrieb im Altkreis Mühlhausen aufgelöst. Die modernen Aluminiumfässer hatten die Holzfässer abgelöst, in den Keltereien ebenso wie in den Marmeladenfabriken. Um Arbeitsplätze musste damals keiner bangen. Die Böttcher fanden in der Holzverarbeitung andere Verwendung, so wie Peter Stauch schon einige Jahre zuvor. Trotzdem waren sie traurig.

Seine Böttcherschürze hat Peter Stauch aber nie an den Nagel gehangen. Auf seinem Hof richtete er sich eine eigene kleine Hobby-Böttcherei ein und rettete auch so manches, heute historische Werkzeug wie Fügebank, Setzhammer und Kimmhobel davor, achtlos im Müllberg zu verschwinden. Und er rettete seinen Berufsstand bis in die heutige Zeit. Peter Stauch ist der letzte Böttcher im Landkreis. Wenn auch Fässer im Großformat seit dem Einzug der Aluminium-Behälter nicht mehr gefragt sind, so doch Bottiche. Die herzustellen, verlangt ebenso Maßarbeit wie ein Fass. Sonst würden sich die Einzelteile nie und nimmer zu einem ordentlichen Kübel vereinen wollen. Wie dann die einzelnen Dauben aus Eichenholz in die metallenen Reifen passen, bleibt für den Laien allerdings ein kleines Geheimnis. Als Pflanzkübel sind die Bottiche auf dem Stauch’schen Hof den Sommer über eine Zierde. Oleander, Prinzessblumen und Mandelröschen fühlen sich jedenfalls wohl in ihrer schicken Unterkunft.

DIASCHAU

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