Mehr als Körbe

Posted by on 12. März 2010

Besenbinder und Scherenschleifer, Töpfer und Schmied, Seiler und Korbflechter: Einst waren deren Zünfte in hiesiger Region weit verbreitet. Heute sind diese und andere traditionelle Handwerke rar geworden. Diese Serie soll eine kleine Führung durch das vielfältige Spektrum der Handwerkskunst im Unstrut-Hainich-Kreis sein und typische Produkte und Handfertigkeiten vorstellen. Sie will ein Stück der Faszination der Arbeiten, der Schönheit der Formen und Farben, der Exaktheit der meisterlichen Arbeiten und der Vielfalt der Ideen einfangen. So in der Werkstatt von Ronald Helbing, dem Korbmachermeister der Manufact gGmbH.

Von Iris Henning

MÜHLHAUSEN.

Wer einen Korb bekommt, sollte sich freuen. In ihm steckt jede Menge Arbeit. Zumindest, wenn es ein handgemachter aus Weide ist. Doch wie stellt man sich einen Korbmacher vor? Als einen alten Mann im blauen Kittel, der mürrisch und wortkarg, mit gebeugtem Rücken und groben Händen einen Korb nach dem anderen flicht?

In der Flechtwerkstatt der Manufact gGmbH in Mühlhausen begrüßt der aufgeschlossene Ronald Helbing freundlich die Besucher. Er trägt ein dunkles T-Shirt und eine robuste grüne Arbeitshose und zwinkert freundlich hinter seiner dickglasigen Brille. Er ist seit zwanzig Jahren Korbmacher, seit elf Jahren trägt er den Meistertitel seiner Zunft.Vor gut acht Jahren gründete er gemeinsam mit den Mühlhäuser Werkstätten im Industriegebiet an der Trift die Manufact gGmbH. Die Werkstatt der Flechtwerkgestaltung ist sein Bereich. Hinter einer Fensterfassade flechten er und seine Mitarbeiter flink wie die Wiesel. Zwei bis drei Stunden braucht ein Profi wie er für einen Einkaufskorb. Traditionelle Körbe, Truhen und Regalkörbe sind die schönen Klassiker in der Korbproduktion. Die Klassiker machen allerdings nur einen Teil der Arbeit des Meister-Korbmachers aus. Individuelle Körbe für den Ladenbau, Restauration antiker Stühle, deren zerschlissenes Flechtwerk kunstvoll ersetzt wird, Flechtwerk für die Gestaltung von Gärten, lebendige Architektur aus Weidenruten und individuelle Möbel gehören längst dazu. Eine Musterkollektion sucht man aber vergebens in der Werkstatt. „Das wäre zu aufwendig“, erklärt der Meister. Er zeigt Fotos als Alternativen: Eine Relaxliege, ein Möbelstück, in das man sich sofort kuscheln möchte und ein wunderliches Stück, das zum Flezen einlädt, sind darunter. Ronald Helbing weiß, dass diese Möbel immer wieder erstaunen. „Wir haben auch Mut, unser traditionelles Handwerk mit modernem Design zu kombinieren“, sagt er. Ein Kindergarten aus Frankfurt am Main bestellte jüngst Schlafmöbel für die Kleinen bei ihm. Solche Aufträge stimmen ihn froh. Sie sind schönste Anerkennung seines Handwerks, das ein gutes Augenmaß, Feingefühl, Qualitätsarbeit, Intuition und Sinn für Formgebung verlangt. Freude ist für ihn auch, dass die handgeflochtenen Körbe wieder an Beliebtheit gewinnen und die Kunden bereit sind, einen angemessenen Preis dafür zu zahlen, von dem er und seine Mitarbeiter auch leben können.

Ronald Helbing jedenfalls ist glücklich, ein Korbmacher geworden zu sein und damit vermutlich einen der wohl ältesten Berufe der Welt gelernt zu haben. Denn Flechten gehört ohne Zweifel zu den ältesten handwerklichen Fertigkeiten der Menschen. Hilfsmittel wie Feuer oder Werkzeug sind schließlich nicht zwingend erforderlich. Aus Zweigen eines Busches lässt sich schon ein Korb herstellen, der zum Sammeln von Beeren und Früchten reicht. Auch darauf macht Ronald Helbing aufmerksam. Er scheint jedenfalls froh darüber, anderen Berufsvorstellungen aus seiner Jugendzeit einen Korb gegeben zu haben – zugunsten der Körbe.

DIASCHAU

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