Mann der guten Form

Posted by on 6. Februar 2010

Besenbinder und Scherenschleifer, Töpfer und Schmied, Seiler und Korbflechter: Einst waren deren Zünfte in hiesiger Region weit verbreitet. Heute sind diese und andere traditionelle Handwerke rar geworden. Diese Serie soll eine kleine Führung durch das vielfältige Spektrum der Handwerkskunst im Unstrut-Hainich-Kreis sein und typische Produkte und Handfertigkeiten vorstellen. Sie will ein Stück der Faszination der Arbeiten, der Schönheit der Formen und Farben, der Exaktheit der meisterlichen Arbeiten und der Vielfalt der Ideen einfangen. So in der Werkstatt des Modell- und Formenbauers Dietmar Richardt aus Struth.

STRUTH.

Ein auffällig großer, hölzerner Kasten steht mitten im Raum. Einen dicken Bauch wölbt er nach oben. Meister Richardt hebt das „Bauchoberteil“ ab. Der geheimnisvolle Kasten gibt einen kompliziert aussehenden Hohlraum preis. „Das ist die Form für ein Getriebegehäuse“, erklärt der Modell- und Formenbauer. Der Schüttkernkasten ist sein Meisterstück aus dem Jahr 1989. Aber nicht nur jeder Form- und Modellbauermeister hätte dem Struther für diese Modelleinrichtung vermutlich beste Noten ausgestellt, sondern auch jeder Tischlermeister, so viel handwerkliches Wissen und Geschick steckt in dieser Arbeit.

„Schnittmuster“ für diese und andere Modelleinrichtungen sind technische Zeichnungen aus den Konstruktionsbüros der Auftraggeber. Der Modell- und Formenbauer hat ein entsprechendes Urmodell und eine Form, ein „Negativ“ des Modells, herzustellen. Akribisch muss er dabei auf die Genauigkeit der Maße zu achten. Mitunter geht es um hundertstel Millimeter. Großes Einfühlungsvermögen in die Auftragszeichnungen und Pläne wird ihm abverlangt. Sehr gute Kenntnisse der Oberflächenbehandlung sind wegen der naturgetreuen Darstellung aller Anschauungsmodelle erforderlich. „Modellbau“, so sagt Dietmar Richardt, „ist eine abwechslungsreiche, kreative Arbeit.“ Trotz des Einsatzes moderner Technologien sind solide handwerkliche Fähigkeiten ebenso gefordert, wie ein ausgeprägtes Raumgefühl, Vorstellungsvermögen und die Freude am Umgang mit den unterschiedlichsten Materialien.

Als Werkstoffe werden Holz, Kunststoff, Leichtmetallmund Stahl, synthetische Stoffe, z.B. glasfaserverstärkter Kunststoff und Kunstharze, verarbeitet. Daneben werden viele Hilfsmittel und Farben benötigt.

Und wozu braucht man Modelle und Formen? Meister Richardt lacht: „Ohne uns geht in der Industrie gar nichts“, zeigt auf die Maschinen in seiner Werkstatt: Für fast alle Teile einer Maschine braucht es zuvor ein Modell, aus dem später in der Gießerei die Formen für die Gussteile hergestellt werden können, erklärt er. „Wir werden immer gebraucht.“

Modell- und Formenbauer war für Dietmar Richardt von Jugend an ein erstrebenswerter Beruf. Zu seiner Selbstständigkeit gelangte er über einen Umweg, weil selbstständige Handwerker von der Obrigkeit im DDR-Land nicht so sehr gemocht wurden. Mit seiner Bewerbung als Spielzeughersteller und Modellbauer fand er aber ein genehmigtes Schlupfloch. „Spielzeug aus Holz herzustellen hat auch Freude gemacht“, blickt er auf diese kurze Zwischenzeit. Ein knallroter Traktor und ein niedliches Puppenbett sind kleine Erinnerungsstücke.

Spielzeug stellt er schon lange nicht mehr her. Als Modell- und Formenbauer ist er gefragter. Zu seinen heutigen Kunden gehören unter anderem Automobilhersteller und Hersteller medizinisch-technischer Geräte. Aber auch für technische Denkmale und Oldtimer hat er schon Ersatzteile nach originalem Vorbild hergestellt.

Das ist Kunst. Was voll ist, wird hohl. Was hohl ist, wird voll. Nur der Former weiß, was daraus werden soll. Das Stehende hängt, das Hängende steht, in des Formers Gehirn ist alles verdreht.

DIASCHAU

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