Zuverlässigkeit schwindet

Posted by on 4. Februar 2010
Experten sehen an der Mühlhäuser Sauer-Orgel mehr als 4000 potenzielle Störmöglichkeiten

Vom herrlichen Stimmklang der Mühlhäuser Sauer-Orgel schwärmte bisher noch jeder Organist, der auf ihr spielen durfte. Das kann sich schon bald ändern. Nach fast 120 Dienstjahren scheint es nur noch eine Frage von kurzer Zeit, bis der Stimmklang von sogenannten Heulern durchdrungen wird und sich das erwartungsfrohe Konzert-Publikum in der Marienkirche entsetzt die Ohren zuhält.

Von Iris HENNING

MÜHLHAUSEN.

Sauerorgel„Ein absolutes Ausnahmeinstrument“, schwärmt Leipzigs Gewandhausorganist Michael Schönheit. „Ein Instrument, welches deutsche und französische Elemente in sich vereint“, ist dessen Meisterschüler Denny Ph. Wilke begeistert. Ein Instrument, das sich „einordnen lässt in die Reihe der international außerordentlich bedeutenden mitteldeutschen Denkmalinstrumente wie die Silbermann-Orgel im Freiberger Dom und die Dauer-Orgel der Thomaskirche zu Leipzig“, beschreibt Orgelbauer Christian Scheffler die Mühlhäuser Sauer-Orgel in St. Marien.

Das Schwärmen über das Ausnahme-Instrument wird von allen drei Experten aber von einem tiefen Seufzer begleitet: Die Orgel braucht dringend eine Renovierung, wenn sie ihr Klangbild behalten soll. Die gut 4000 Pfeifen, die das orchestrale Klangbild ermöglichen, sind im Laufe der Jahre zu 4000 potenziellen Störmöglichkeiten gealtert. Mit ihnen die unzähligen Ventile und weitere Teile, die hinter dem schmucken Orgelprospekt verborgen sind. „Da muss man als Organist schon Angst vor Heulern haben“, beschreibt Denny Ph. Wilke, der künstlerische Leiter der Mühlhäuser Marienkonzerte, das Dilemma der Organisten zwischen dem berauschenden Klangbild und der Sorge vor dem plötzlichen Nicht-mehr-Funktionieren von Teilen des Instruments. Bis jetzt gingen alle Konzerte noch gut. „Aber die Zuverlässigkeit schwindet“, so Wilke.

Das Dilemma scheint nicht nur ein musikalisches zu sein, sondern auch ein finanzielles. Mit der Zahl 700.000 Euro erschreckte der Orgelbauer Christian Scheffler vermutlich viele. So viel würde eine Renovierung kosten, heißt es in seiner Bestandsaufnahme. Bezahlen kann das weder der evangelische Kirchenkreis, dem die Sauer-Orgel gehört, noch können es die Mühlhäuser Museen, in dessen Haus die Orgel steht und die die Nutzungsrechte für die Orgel besitzen.

Der im vergangenen Jahr gegründete Förderverein Sauer-Orgel St. Marien will das Unmögliche versuchen zu schaffen. „Wir müssen es auf jeden Fall versuchen, die wertvolle Orgel zu retten“, hat sich Denny Ph. Wilke an die Spitze des Vereins gestellt. Wie wertvoll das Mühlhäuser Instrument ist, zeigt auch die Hilfe, die Leipzigs Gewandhausorganist Michael Schönheit anbietet: Er übernahm den Ehrenvorsitz im Verein. Stückweise soll nun versucht werden, das notwendige Geld zusammenzutragen. 200.000 Euro sind allein für den ersten Bauabschnitt notwendig. Großer Wunsch ist es, diesen ersten Bauabschnitt bis 2011 erfüllt zu haben. In dem Jahr wird die Sauer-Orgel 120 Jahre alt. Und natürlich soll es aus diesem Anlass ein besonderes Konzert geben.

Hoffnung, dass der Traum von der Renovierung der Sauer-Orgel in Erfüllung gehen kann, schöpft der Förderverein auch aus der Geschichte des Instruments. Die wurde im Jahr 1891 von Mühlhäuser Bürgern bezahlt. 25.000 Reichstaler war ihnen eine originale Sauer-Orgel wert.

Der Neubau einer solchen Orgel heutzutage wäre kaum mehr bezahlbar. „Das Doppelte, was eine Renovierung kosten würde“, so der grobe Überschlag des Orgelbaumeisters. „Aber ein Neubau wäre niemals so wunderschön wie das Original“, schätzt er den Charme der historischen Patina der Mühlhäuser Sauer-Orgel. Der sei „unbezahlbar“.

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