Der Letzte seiner Zunft

Posted by on 20. Januar 2010

Besenbinder und Scherenschleifer, Töpfer und Schmied, Seiler und Korbflechter: Einst waren deren Zünfte in hiesiger Region weit verbreitet. Heute sind diese und andere traditionelle Handwerke rar geworden. Diese Serie soll eine kleine Führung durch das vielfältige Spektrum der Handwerkskunst im Unstrut-Hainich-Kreis sein und typische Produkte und Handfertigkeiten vorstellen. Sie will ein Stück der Faszination der Arbeiten, der Schönheit der Formen und Farben, der Exaktheit der meisterlichen Arbeiten und der Vielfalt der Ideen einfangen. So in der Werkstatt des Mühlhäuser Gerbers Jürgen Stölcker.

Von Iris HENNING

MÜHLHAUSEN.

Felle von Waschbären und Füchsen hängen trocken im Gebälk. Auf einem Tisch stapeln sich Häute von Rotwild, auf einem anderen flauschige Felle von Schafen. Wir sind in der Werkstatt von Jürgen Stölcker, dem vermutlich letzten Gerber in ganz Thüringen. Der 70-Jährige ist einer, der dem Fuchs das Fell über die Ohren zieht, mit allen Wassern waschen und – eine Spezialität des Gerbers – so richtig vom Leder ziehen kann. Jürgen Stölcker ist stolz auf seinen Beruf, auf seine Zunft, selbst dann noch, wenn er weiß, dass sie aussterben wird. Nach ihm wird vermutlich kein Handwerker wie er mehr die Felle gerben. Denn sein Beruf „ist nichts für zarte Seelen“, wie er sagt. Wo er arbeitet, riecht es nach totem Tier und süßlicher Chemie.

„Ich mache alles. Von der Maus angefangen“, erklärt Stölcker. Wildschwein und Dachs, Fuchs und Waschbär bringen ihm die Jäger. Deren Felle sind beliebte Trophäen. Er hatte aber auch schon einmal ein Zebra, einen Affen und einen Elefanten. Diese Tiere kamen aus einem Zoo. Liebhaber exotischer Tiere bringen ihm mitunter auch Schlangen in die Werkstatt. Vor allem sind es aber Schaffelle, die der Gerber heute bearbeitet. In seiner Werkstatt an der Zöllnersgasse hat er das richtige Werkzeug dafür: den Gerberbaum zum Beispiel. Das ist ein quer halbierter Baumstamm, der schräg steht. Auf dem Gerberbaum wird die Haut ausgebreitet und mit speziellen Messern, den Scherdegen, abgeschabt. Das Werkzeug stammt zum großen Teil noch von seinen Vorfahren aus dem alten Familienbetrieb. Sein Urgroßvater eröffnete 1895 in dem damaligen Gerberviertel, durch das die Schwemmnotte fließt, selbst eine Gerberei. Jürgen Stölcker lernte das Handwerk auch zuerst im Familienbetrieb, ging bei seiner Mutter in die Lehre. Die anschließenden sechs Jahre Wanderschaft durchs Land ermöglichten ihm, dem „Kapitalistensohn“, wie er sagt, dann schließlich doch noch ein Studium der Gerbereitechnik. 1976 übernahm Jürgen Stölcker die Familiengerberei und suchte sich seinen Platz zwischen den volkseigenenen Betrieben und Produktionsgenossenschaften. Leder für Arbeitsschutzartikel und für die Schuhindustrie lieferte er ebenso wie die für Mäntel und Jacken begehrten Velourleder.

Nach der Wende spezialisierte sich Jürgen Stölcker auf Kleintiere. Seine Handfertigkeiten, gute Qualität und sein Rundumservice vom Balgen bis zum fertigen Fell oder Leder bleiben von der privaten Kundschaft gefragt.

Noch heute, mit 70, macht es Jürgen Stölcker Freude, täglich in seine Werkstatt zu gehen. Und es macht ihm Spaß, den Leuten seine Maschinen zu zeigen, die längst technische Denkmale geworden sind, und ihnen etwas über Chemie und Biologie zu erklären. Schulklassen und Touristen führt er durch sein Reich. Sein prominentester Gast war im Jahr 1993 der Bundespräsident Richard von Weizsäcker.

DIASCHAU

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.