Retter der Orgel

Posted by on 4. Januar 2010
Johannes Motz ist er einzige Orgel- und Harmoniumbauer im Landkreis

Besenbinder und Scherenschleifer, Töpfer und Schmied, Seiler und Korbflechter: Einst waren deren Zünfte in hiesiger Region weit verbreitet. Heute sind diese und andere traditionelle Handwerke rar geworden. Diese Serie soll eine kleine, exklusive Führung durch das vielfältige Spektrum der Handwerkskunst im Unstrut-Hainich-Kreis sein und will typische Produkte und Handfertigkeiten vorstellen. Sie will ein Stück der Faszination der Arbeiten und der Vielfalt der Ideen einfangen, so in der Werkstatt des Orgel- und Harmoniumbauers Johannes Motz aus Diedorf.

Von Iris Henning

DIEDORF.

Mehr als 1400 Pfeifen. Die kleinste gerade zwei Zentimeter winzig, die größte ragt mit fünf Metern bis an die Decke. Der Zwerg wispert die leisen, hohen Töne, der Riese ist zuständig für die tiefe Stimme auf der Feith-Orgel. Der Diedorfer Johannes Motz kennt alle Pfeifen, weiß Name und Hausnummer jeder einzelnen in der hinter dem Prospekt verborgenen Kammer auf der Empore der St. Cosmas und Damian Kirche in Geisleden. Die Feith-Orgel ist nach den Orgeln in Hohengandern und Geismar die Dritte, die der junge Orgel- und Harmoniumbauer generalinstandsetzt.

Die Orgel im eichsfeldischen Geisleden wurde um 1930 von Anton Feith/Paderborn gebaut. Achtzig Jahre hat das Instrument nun gedient, hat das Leben in dem Dorf nahe Heiligenstadt während Gottesdienste, Hochzeiten, Taufen und Trauerfeiern zuverlässig begleitet. Jetzt fing die Orgel an zu murren und zu ächzen. „Nach etwa achtzig Jahren ist es meist auch an der Zeit für eine Kur, eine Generalinstandsetzung einer Orgel“, so Johannes Motz. Stark beanspruchte Hölzer, Metalle, Filze und Leder sind zerschlissen, müssen ausgetauscht werden. Ersetzt werden wollen die stark ausgespielten Tastaturen am Manual und Pedal. Die Pfeifen wollen gereinigt und gestimmt werden, die Traktur braucht eine Regulierung. Mehrere Monate haben er und sein Bruder Heinrich zu tun, bis so eine Orgel wieder wie neu ist.

Eine „spannende und herausfordernde Arbeit“ sei so eine Generalsanierung, sagt Johannes Motz. Weil: „Wir müssen alles können: den Holz- und Metallpfeifenbau ebenso wie den Bau der Trakturen, der Windanlage und des Gehäuses.“ Und sie müssen viel wissen über die verschiedenen Materialien wie Hölzer, Metalle, Filze, Leder und Kenntnisse im Bereich der Statik, Aerodynamik, Mechanik und Elektronik haben. So eine Orgel ist ein kompliziertes Gebilde. Ein Forderndes dazu. Es verlangt von einem Orgelbauer, sich gedanklich voll und ganz in ihren Aufbau und ihre Mechanik hineinzuversetzten. Nur so ist sie willig, die Schönheit ihres Klangbildes wieder voll zu entfalten.

Dreieinhalb Jahre hat Johannes Motz den Beruf des Orgel- und Harmoniumbauers gelernt. Seinen Wunschberuf hat er damit ergriffen. Er wollte seine handwerklichen Fähigkeiten mit seiner musikalischen Begabung zusammenbringen. „Bei uns zu Hause spielt jeder ein Instrument. Ich habe Klavier gelernt“, erzählt er. Als Kind sang er zudem im Knabenchor Dresden mit. Mehr als zehn Jahre Erfahrungen in der Praxis sammelte er nach seiner Berufsausbildung, unter anderem auch in Italien. Dann fasste er den Beschluss, sein eigener Chef zu werden. Er wollte nicht mehr hier und dorthin geschickt werden, um in ihm zugewiesenen Bereichen zu arbeiten. Er sehnte sich nach Gesamtprojekten, um all das machen zu können, was er als Orgelbauer gelernt hat. Seinen Bruder Heinrich, der Tischler gelernt hat und zudem Orgelspieler ist, holte er sich zur Unterstützung. Zu zweit sind sie in den Kirchen unterwegs, um die mechanischen, pneumatischen und elektropneumatischen Orgeln zu reinigen, zu reparieren und zu retten. Manchmal ist ihre Arbeit auch eine Nummer kleiner: Dann sitzt Johannes Motz vertieft an einem Klavier und bringt es wieder in richtige Stimmlage.

Im Unstrut-Hainich-Kreis ist Johannes Motz der einzige Orgel- und Harmoniumbauer. In Deutschland gibt es derzeit etwa noch 150 Orgelbauwerkstätten mit ungefähr zweitausend Beschäftigten. Es wird jedoch befürchtet, dass die Anzahl der Werkstätten auf Grund der sich verschlechternden finanziellen Situation der großen Kirchen zukünftig sinkt.

DIASCHAU

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