Die glückliche Schneiderin

Posted by on 4. Dezember 2009

Besenbinder und Scherenschleifer, Töpfer und Schmied, Seiler und Korbflechter: Einst waren deren Zünfte in hiesiger Region weit verbreitet. Heute sind diese und andere traditionelle Handwerke rar geworden. Diese Serie soll eine kleine, exklusive Führung durch das vielfältige Spektrum der Handwerkskunst im Unstrut-Hainich-Kreis sein und will typische Produkte und Handfertigkeiten vorstellen. Sie will ein Stück der Faszination der Arbeiten, der Schönheit der Formen und Farben, der Exaktheit der meisterlichen Arbeiten und der Vielfalt der Ideen einfangen. So im Atelier der Mühlhäuser Schneidermeisterin Barbara Montag.

Von Iris HENNING

MÜHLHAUSEN.

Würde heute wer die Geschichte vom tapferen Schneiderlein aufschreiben, würde sie sich ganz anders lesen. Es wäre vermutlich die Geschichte über den Kampf der Schneiderlein, sich gegen die Riesen auf dem Markt zu behaupten. Eines hätten die Geschichten von damals und heute dennoch gemeinsam: Die klugen und phantasiereichen Schneider haben die besseren Aussichten, in diesem ungleichen Kampf zu bestehen. Schwer genug ist es dennoch. Von einst einer ganzen Schneidergilde in der Mühlhäuser Region ist kaum mehr eine Handvoll übriggeblieben. Eine, die die Schneiderei für sich als Traumberuf entdeckte, ist Barbara Montag. Weil es einst in dem vergangenen Land namens DDR nur selten Schickes zu kaufen gab, machte sie sich daran, ihre Hosen, Röcke, Kleider und Blusen selbst zu nähen. Und wenn sie erst Schneiderin gelernt hätte, dann würde es noch schönere Sachen geben … Dachte sie.

Ihr Traumberuf brauchte Umwege. Lediglich Konfektionärin konnte sie in dem grauen Land lernen, Nähen am Fließband. Während der monotonen Arbeiten gingen ihre Gedanken auf bunte Reisen, auf Abwege. Was wäre, wenn … Die Sehnsucht siegte. Sie stellte den Ausreiseantrag in den verheißungsvolleren anderen Teil Deutschlands. In Stuttgart bekam sie eine Anstellung, setzte sich an Abenden und Wochenenden noch einmal auf die Schulbank, lernte richtige Schneiderin. Dem Gesellenbrief folgte der Meisterbrief. Und es folgte das Heimweh. Das hatte sie nicht einkalkuliert. Schwer wie hundert BallenStoff lastete es auf ihr. Sie hatte Glück mit dem Verlauf der deutsch-deutschen Geschichte, die auch ihre Lebensweichen noch einmal stellte. Barbara Montag kehrte nach Mühlhausen zurück. Im Elternhaus an der Windhorststraße konnte sie ein Atelier für ihre Maßschneiderei einrichten. Nicht groß. Aber die wenigen Quadratmeter reichen ihr für die drei Maschinen, den Bügelautomaten, den Schneidertisch, Regale für Stoffe und den großen Wandspiegel. Hier ist seit neun Jahren ihr Reich, um die schönsten Kleiderträume in edlen Stoffen und kunstvoller Verarbeitung wahr werden zu lassen. Viele Bräute haben sich ihr Kleid für den schönsten Tag im Leben von ihr fertigen lassen. Kleider und Anzüge für rauschende Bälle verließen ihr Atelier ebenso wie edle Robe für so manchen Kreuzschifffahrt-Passagier und das Festkleid für die neue Faulunger Muskönigin. „Die Ansprüche der Kunden sind gewachsen“, bilanziert die Schneidermeisterin. War vor Jahren das Kleid oder der Anzug von der Stange noch gut genug für einen besonderen Anlass, schauen heute viele auf individuelle und edle Garderobe. Das besondere Kleid oder der Frack wird zunehmend als Ausdruck der Individualität gesehen. Mann und Frau wollen auffallen aus der Konfektionsmasse.

Barbara Montag ist glücklich darüber. Ihren Wunschberuf sieht die heute 41-Jährige erfüllt: Schickes und Tragbares typgerecht ganz individuell herstellen.

Übrigens: Der Schneiderberuf ist einer der ältesten Berufe in der Menschheitsgeschichte. Als Erste fertigten die Neandertaler Kleidung an, womit sie sozusagen den Schneiderberuf erfunden haben. Der „deutsche“ Neandertaler lebte im Mittelpaläolithikum, also vor ca. 130.000 bis ca. 30.000 Jahren. Die Mode von damals war allerdings geprägt von wettergegerbten Tierhäuten. Die verführerisch-zarten Träume in Weiß, Creme und Rosa brauchten noch einige zig Tausende Jahre, ehe sie erfunden wurden.

DIASCHAU

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