Körper auf Eis

Posted by on 18. November 2009
Premiere auf der 3K-Bühne: „Hier ist, was übrig ist“ ist experimentelles Theater

Ein eiskaltes Quadrat. Es ist für 35 Spielminuten die Bühne für sechs spärlich bekleidete Jugendliche. Und es ist der Rahmen für Kurztexte, die keine Geschichte ergeben und dennoch tief berühren können. „Hier ist, was übrig ist“ – diese neue 3K-Inszenierung unter Regie von Karen Becker hat am 20. November Premiere.

Von Iris HENNING

MÜHLHAUSEN.

Hier ist, was übrig ist (1)Sechs Körper liegen wie leblos auf dem Eis. Langsam räkeln sie sich, erwachen zum Leben. Sie lieben sich, streiten sich, verlieren sich. Und was bleibt? „Hier ist, was übrig ist und dann ist es vorbei.“ Dieser immer wieder zu vernehmende Satz wird zum Mantra, auch im Kopf des Zuschauers. „Hier ist, was übrig ist“ wird zum abendlichen Begleiter.

Simone Unger schrieb die Kurztexte. Die Thüringer Jungautorin und Preisträgerin des Hessen-Thüringen Literaturforums schreibt und beschreibt emotionale Spuren und Momentaufnahmen einer Beziehung. Ihre Kurztexte fangen fragmentarisch-lyrisch Situationen Hier ist, was übrig ist (2)ein, die verweilen und vergehen. Übrig bleiben Fragen: Was bleibt am Ende einer Beziehung? Was steht am Anfang einer Neuen und ist das Ende in allem Anfang allgegenwärtig? Für eine Theaterinszenierung waren diese Texte ursprünglich nicht gedacht. Doch 3K-Regisseurin Karen Becker nahm sich die Manuskripte dennoch und gestaltete die Dramaturgie für experimentelles Theater. „Ich wollte schon immer Texte meiner Studienfreundin Simone Unger auf der Bühne umsetzen“, sagt sie.

Sechs sehr junge Darsteller aus der 3K-Jugendgruppe lässt die Regisseurin in dem Gedankenkonstrukt von „Hier ist, was übrig ist“ bewegen, gibt ihnen Raum, das immer aktuelle Thema Liebe aufzugreifen, zu abstrahieren und zur Diskussion zu stellen. Sehr intensiv beleben die Akteure Erinnerungen und verfolgen Spuren des Moments.

„Mit der neuen theaterpädagogischen Jugendproduktion der 3K-Theaterwerkstatt wollen wir uns mit der Vergänglichkeit der Liebe auseinandersetzen“, beschreibt Karen Becker. „Wir wollen den ewig anhaltenden Kreislauf des sich immer wieder neu Verlierens im Anderen, in sich selbst, in Gedanken zeigen.“ So liegen letztlich die Körper am Schluss des Spiels wieder reglos auf dem Eis, wirken hilfsbedürftig und verletzlich, vielleicht auch verletzt von den mannigfaltigen, überwältigenden Gefühlen der gelebten und verlorenen Liebe. Die reglosen, spärlich bekleideten Körper auf kaltem Eis sind für diesen Moment das, was übrig ist.

Die Premierevorstellung für „Hier ist, was übrig ist“ beginnt am 20. November, 20 Uhr, im Werkstattgebäude der Kilianispielstätte, Unter der Linde 7. Als Gast wird dazu auch die Autorin der Texte, Simone Unger, erwartet. Eine zweite Vorstellung gibt es bereits am 21. November, ebenfalls ab 20 Uhr. Karten können noch reserviert werden unter (03601) 44 09 3.

Gedanken und Momentaufnahmen

Jugendtheatergruppe setzt tiefe Empfindungen künstlerisch und abstrakt in Szene

Verliebt, verloren, verlassen: Was bleibt am Ende einer Partnerschaft? Was steht am Anfang einer neuen Beziehung?

In lyrisch-fragmentarischen Texten von Simone Unger beschreiben Florian Arndt, Ralf Bube, Simon Kempe, Marius Montag, Luk Opitz und Catherine Thon aus der 3K-Jugendtheatergruppe im eng begrenzten Bühnenraum Emotionen. Im Umgang mit ihrem eigenen Körper und dem sie umgebenden Crush-Eis finden sie eine künstlerische Übersetzung für Empfindungen, Gedanken und Momentaufnahmen. Der von Regisseurin Karen Becker bewusst gewählte performative Arbeitsansatz stellt den realen physischen Körpervorgang in den Mittelpunkt des theatralen Geschehens. So gelingt es, einerseits abstrakte Begriffe in ein szenisches Bild zu übersetzen und andererseits dem Zuschauer einen ausreichend assoziativen Freiraum zu geben.

Für die passende musikalische Kulisse für „Hier ist, was übrig ist“ sorgen Sebastian Gabriel und Christoph Fleischer. Für die Lichteffekte ist Techniker Thorsten Zietsch verantwortlich. Kopfzerbrechen über die passenden Kostüme für die Unterstreichung der fragmentarischen Erzählkunst machte sich Barbara Schäfer. Sie lässt die Akteure nur sehr spärlich bekleidet in die Szenen treten. Das Plakat für die Inszenierung entwarf Antje Siekierka.

„Hier ist, was übrig ist“, ist nach „Hikikomori“ die zweite Inszenierung der jungen Regisseurin Karen Becher. „Hikikomori“ wurde jüngst, während eines Festivals in der Landeshauptstadt, mit einem Sonderpreis ausgezeichnet.

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