Seile für Zoo & Co.

Posted by on 7. November 2009

Besenbinder und Scherenschleifer, Töpfer und Schmied, Seiler und Korbflechter: Einst waren deren Zünfte in hiesiger Region weit verbreitet. Heute sind diese und andere traditionelle Handwerke rar geworden. Diese Serie soll eine kleine, exklusive Führung durch das vielfältige Spektrum der Handwerkskunst im Unstrut-Hainich-Kreis sein und will typische Produkte und Handfertigkeiten vorstellen. Sie will ein Stück der Faszination der Arbeiten, der Schönheit der Formen und Farben, der Exaktheit der meisterlichen Arbeiten und der Vielfalt der Ideen einfangen. So im Schlotheimer Unternehmen „Seil- & Hebetechnik, Freizeitartikel“, in dem die selten gewordene Seilerei noch ein Zuhause hat.

Von Iris HENNING

SCHLOTHEIM.

Netze stricken, Knoten beherrschen und verspleißen können: Das muss einer beherrschen, der ein Seiler sein will. Kaum vier Generationen ist es her, als das Seilerhandwerk ganz Schlotheim ernährte. In allen Familien gab es Seiler. Heute gibt es vielleicht noch eine Handvoll Handwerker, die seilern können. Zu ihnen zählt Andreas Montag. Dabei ist er gar kein gebürtiger Schlotheimer und auch kein gelernter Seiler. Er ist ein Quereinsteiger. Er zog zu einer Zeit von Mühlhausen in die Seilerstadt, um einen Seilerbetrieb zu gründen, als dieses Handwerk schon tot gesagt wurde: im Jahr 1993. Seine Seilerwaren sind heute die so genannten Nischenprodukte, Spezialanfertigungen für Spezialanforderungen. Seilerwaren aus seinem Unternehmen, der „Seil- & Hebetechnik, Freizeitartikel“, sind heute oft das, was man einen „Geheimtipp“ nennt. Diese Tipps wandern beispielsweise von Zoo zu Zoo. Die Spezialnetze für die Tiergehege aus Schlotheim sind dort gefragt, selbst im Ausland. In Lyon (Frankreich) verhindert Seilerware aus Schlotheim das Ausbüchsen der Elefanten und Giraffen. Jüngst strickte Andreas Montag nach den Wünschen des Architekten ein Netz als Dachkonstruktion für die Flamingo-Anlage im Erfurter Zoo. Weitere Spezialaufträge waren die Reparatur des Antriebseils der Drehbühne der Alten Oper in Erfurt und die Anfertigung eines neuen Seils für die Glocke im Augustiner-Kloster in der Landeshauptstadt. Für das Treppenhaus einer Schule in Lichtenstein wurde aus maßgefertigten Netzen eine Absturzsicherung hergestellt. Eine persönliche Herausforderung sah Andreas Montag in der Herstellung der größten handgestrickten Hängematte der Welt. Die produzierte er mit seinem Freund und Kollegen im Ruhestand, Kurt Hohnstein. Während des Weihnachtsmarktes in Schlotheim im vergangenen Jahr hatte diese Riesenmatte Premiere. Der ganze Kindergarten konnte auf der Hängematte Platz nehmen und ganz Schlotheim spendierte kräftigen Applaus. Neu im Sortiment ist die Fertigung von Federwiegennetzen, einer Art Schaukel für das Baby, erklärt der Firmenchef.

Es gibt auch weniger spektakuläre Aufträge an das Seilerhandwerk: Treppenhandläufe, Abschleppseile, Hängematten und Schaukeln, zum Beispiel und Seilerwaren für Spielplätze: Kletternetze, Balancierseile und Seile zum Schaukeln. Egal ob großer oder kleiner Auftrag, ob spektakulär oder alltagstauglich: Alle Seilerartikel sind akurat gefertigt, jedes Teil für sich ist eine exakte meisterliche Arbeit. Das ist für das Unternehmen eine Frage des Ethos und der Berufsehre. Stolz ist man in der Montag’schen Firma darauf, dass man kann, was die großen, meist in Billiglohnländern angesiedelte Großunternehmen nicht bieten können: in kurzer zeit Maßanfertigungen in verschiedenen Formen und Farben auch in kleinen Auflagen. „Das ist unsere stsärke“, sagt Montag. Ihm zur Seite stehen drei Mitarbeiter, auch sie sind spezialisiert auf die Nischenprodukte aus dem Seiler-Sortiment.

Ganz ohne die Produktion der technischen Schnüre und Seile kommt das Unternehmen aber nicht aus. Auch da beweist es sich als geschickter und flexibler Nischenproduzent. Die exotischste Ware in diesem Sortiment sind die Bondage-Seile in Schwarz und Rot. Ein Seiltyp, der sowohl sicher in der Zugbelastung, relativ breit in der Auflagefläche, nicht allzu dehnbar ist und sich leicht wieder aufknoten lässt, erklärt Andreas Montag, und der in Erotik-Fachgschäften angeboten wird.

Was ein Bondage-Seil ist und wie das Wort geschrieben wird, hat vor vier Generationen wohl niemand in Schlotheim gewusst. So ändern sich die Zeiten.

DIASCHAU

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