Leser mit Sehnsucht vergiften

Posted by on 13. Oktober 2009

Andreas Altmann über Sucht nach Leben, Wichtigtuer und Köpfchen als erogene Zone

Gerade ist der mehrfach ausgezeichnete Reisereporter Andreas Altmann von seiner Fernreise aus Südostasien zurück. Jetzt packt er seinen Rucksack erneut, um durch Deutschland zu reisen: Dieses Mal nicht auf der Suche nach Geschichten, sondern um sein neues Buch „Sucht nach Leben“ vorzustellen. Am Dienstag, 20. Oktober, 19.30 Uhr, ist Altmann Gast im TA-Café in der Jakobikirche.

Herr Altmann, in „Sucht nach Leben“ stellen Sie Geschichten von unterwegs vor. Im Vorwort bezeichnen Sie Ihr Buch unter anderem als „Störenfried“ und halten es mit Franz Kafka, der meinte, dass man nur Bücher lesen sollte, die beißen und stechen. Ihre Geschichten von unterwegs sollen also beißen und stechen?andreas-altmann-mombasa-cigarillo

Ja, was denn sonst? Einschläfern? In den Selbstmord treiben? Zum Amoklauf anstiften? Nein, Sprache soll aufscheuchen, soll – so schrieb mal ein kluger Kritiker über mich – „den Leser mit Sehnsucht vergiften“. Ich komme also nach Mühlhausen zum Vergiften: den Ranz in uns, das Träge, das Geistfaule, das Körperfaule. Natürlich ist das Leben wichtiger als die Literatur, aber bisweilen brauchen wir die Literatur, um zu wissen, wie wichtig das Leben ist.

Sie beschreiben ihre Besuche im Crackhouse, einem illegalen Treff für Drogenabhängige, in New York, Ihre Begegnung mit zwei schwerst misshandelten und nun verkrüppelten jungen Frauen in Bangladesh, Sie konfrontieren mit dem härtesten Strich in Vietnam, Sie kommen auf Ihren langen Fußmarsch von Paris nach Berlin zu sprechen – gibt es überhaupt irgendetwas auf der Welt, vor dem Ihre Neugier haltmachen würde?

Aber natürlich gibt es das. Ich muss niemand beim Kopfabschlagen zuschauen, um mir ein „geiles Gefühl“ zu verschaffen. Ich arbeite nicht für RTL oder die Bildzeitung, wo man gern „nachhilft“, damit der Schrecken noch schrecklicher wird. Und ich mache Halt, wo die Angst mich überwältigt. Ich denke nicht daran, für eine Geschichte meinen Kopf und / oder meinen Leib zu riskieren. Ich überlege sehr genau vorher, ob ich da „hineingehe“ oder nicht. Ich habe ein bisschen Chuzpe, aber ich bin nicht dämlich, nicht tollkühn. Ich gehe nicht über Leichen, aber über Leichtverletzte schon.

Als Reisereporter beschreiben Sie in Ihren Büchern kaum Land und Leute. Sie sammeln die Geschichten der Menschen, schreiben über das Menschliche und Unmenschliche. Für Sie scheint es keine Tabu-Themen zu geben….

Ach, ich weiß nicht. Es gibt Tabus. Wie sagte Georg Thomalla: „Wer eine Reise tut, der hat was zu verschweigen.“ Nur Narren und Schamlose kennen keine Tabus. Jeden Tag nachzuprüfen bei (gewissen) Talkshows, beim Reality-TV, bei den geistig Behinderten, die sich in Big Brother vorführen lassen. Wie sagte es Freud: „Der Verlust von Scham signalisiert den ersten Grad von Schwachsinn.“

Sie sind Deutscher und wohnen seit Jahren in Paris. In einem Interview sagten Sie einmal, dass, wenn Sie ein „alter Knochen“ sind, sich durchaus vorstellen könnten, in Südostasien zu leben. Warum gerade dieser Erdteil?

Ich mag das Leichte dort, diese schwerelose Freundlichkeit. Ich sehe dort weniger Leute, die protzen. Weniger, die ununterbrochen als Wichtige und Wichtigtuer unterwegs sind. Aber ich bin mir sicher, Paris wird mir dann doch fehlen. Die Cafés, das Großstädtische, das lässige Flanieren, das Internationale.

Kommen wir einmal zurück nach Deutschland, nach Thüringen, nach Mühlhausen. Schon einige Male waren Sie hier, das erste Mal als vermeintlich Obdachloser, später als Autor. In wenigen Tagen sind Sie wieder Gast in Mühlhausen. Im TA-Café werden Sie am 20. Oktober in der Jakobikirche Ihr neues Buch vorstellen. Gibt es irgendetwas, worauf Sie sich bei Ihrem Mühlhausen-Besuch freuen?

Dass die Ossis (vorläufig zumindest noch) den Verblödungswellen der Wessis standhalten, sprich, noch mehr lesen, weniger Zeit als der Rest der Menschheit vor der Glotze ihr Leben versiechen. Auf das freue ich mich. Ich mag Männer und Frauen mit Hirn. Ich will Hirn sehen, denn auch diesen Körperteil halte ich für eine erogene Zone.

Gespräch: Iris HENNING

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