Rückblick auf Gewesenes

Posted by on 10. Oktober 2009
Mit „artedrale IV“ erinnert die 3K Theaterwerkstatt an ein Stück junge Geschichte

„Hier Grenze“: Wer am Wochenende in die Martinikirche wollte, musste seinen Ausweis zücken. Mit dem ersten Teil der „artedrale IV“ erinnerte die Mühlhäuser Theaterwerkstatt an die Vorwendezeit in der DDR. Die Martinikirche war der Ort, wo vor zwanzig Jahren auch in Mühlhausen mit politisch geprägten Friedensgebeten die Aufbruchzeit begann.

Von Iris HENNING

MHLHAUSEN.

Junge Gesichter in Uniformen, die nur dem reiferen Publikum noch bekannt sind. Die jugendlichen Akteure der Theaterwerkstatt, die als Grenzsoldaten die „Einreisenden“ in die Martinikirche kontrollierten, konnten nicht überzeugend an die Zeit vor mehr als zwanzig Jahren erinnern. Wie auch. Sie haben diese Zeit nie kennengelernt. Für sie war es ein sichtlicher Spaß, einmal in die Klischee-Rollen der Voreinheitsdeutschland-Ostautoritäten zu schlüpfen. So wurde die „Einreise“ auch für das Publikum mehr zum Spaß- als Erinnerungsfaktor.

Auf den Boden der DDR-Realität zog aber die Fotoausstellung „Besenrein“ von Sebastian Weise in der Martinikirche. In stummen, unspektakulären Bildern hielt er in Momentszenen ein Stück real existierenden Sozialismus in der DDR fest: die maroden, menschenleeren Häuser und Wohnungen als ein Spiegelbild der tristen Hoffnungslosigkeit auf irgendeine Veränderung. Als Kontrastprogramm waren populäre DDR-Hits zu hören. „Ja, genau so war es“, meinten die lteren unter dem Publikum, die im Land DDR aufgewachsen sind. Lachen konnte bei diesen Fotos niemand mehr. Auch beim folgenden Film blieben die Lacher die Ausnahmen. „Jadup und Boel“ wurde gezeigt, ein Defa-Film, der 1981 entstanden ist und der laut Beschluss der DDR-Obrigkeit nicht in die Kinos kommen durfte. Zu kritisch hinterfragt dieser Film die damalige Gegenwart. Mängel im sozialistischen System öffentlich vorzuführen, war eben nur bis zu einer ideologisch unscharfen Grenze erlaubt. Warum ausgerechnet dieser Film an den Festungen der sozialistischen Errungenschaften gerüttelt hätte, ist nach zwanzig Jahren Abstand zum System nur noch schwer zu sagen. „Jadup und Boel“ ist aber ein Film, der auch heute noch sein Publikum in Beklemmung entlässt. Fragen nach Schuld werden auch heute noch gern verdrängt. An ranzig gewordenen Gewohnheiten wird auch heute noch aus lauter Trägheit nicht gerüttelt.

Begleitet werden sollte dieser Filmabend durch einen Zeitsprung in die DDR. Ein schweres Vorhaben, das mit Bannern von einst drapierten Kirchenwänden, Bück-Dich-Ware am Getränkestand, FDJ-Hemden, einer Rede einer vorsichtig-aufmüpfigen FDJ-lerin und den wuseligen inoffiziellen und offiziellen Mitarbeitern in seiner Ernsthaftigkeit allein so nicht umsetzbar war. Die nüchterne Fotoausstellung und der beklemmende Film gerade in dieser Kirche wurden dem gesetzten Anspruch der Theaterwerkstatt „Rückblick auf die Wendezeit“ aber gerecht.

Mit den seit 2006 von der 3K Theaterwerkstatt jährlich organisierten „artedralen“ soll mit künstlerischen Mitteln den Kirchen Mühlhausens mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden. Die „artedrale IV“ in diesem Jahr rückt gleich drei Kirchen in den Mittelpunkt. Nach „Rückblick“ in der Martinikirche folgen am Mittwoch, 4. November, „Redewendungen“ mit Peter Dulinski in der Kilianikirche. „Zukunftsmusik“ wird die Percussion-Band „Elbtonal“ am Samstag, 7. November, in der Georgiikirche spielen.

DIASCHAU

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