Wo die Mythen wohnen

Posted by on 11. September 2009
Die Betteleiche ist Symbol für den Nationalpark

Manchmal muss man die Niederungen der Alltagswelt einen Augenblick hinter sich lassen, um wieder frische Kraft schöpfen zu können. Um einen Moment innezuhalten, muss man nicht gleich die Urlaubskoffer packen. Auch im Unstrut-Hainich-Kreis kann man sich von der Wunderwelt der Natur faszinieren lassen. Zudem gibt es zahlreiche Naturdenkmale, die einen Abstecher wert sind. Wanderwege, die zu Naturdenkmalen führen, sollen in dieser Serie vorgestellt werden. Eines der beeindruckendsten Naturdenkmale ist die Betteleiche in der Gemarkung Mülvertedt.

Von Iris HENNING

HAINICH.

Was für ein merkwürdiger Baum. Seinen ausgehöhlten Stamm hat er zum Torbogen wachsen lassen. Ohne Mühe könnte ein Zwei-Meter-Mann da hindurch gehen, ohne irgendwo anzustoßen. Wer mitten im Torbogen stehen bleibt und nach oben blickt, kann schnell von Mythen besucht werden. Hier, inmitten der alten Eiche, ist Platz für Sagen von Göttern, Helden und Geistern.

ber achthundert Jahre alt ist die Stiel-Eiche, die von den Einheimischen schon immer die „Betteleiche“ genannt wurde. Gebettelt hat an dieser Eiche vermutlich aber niemand. Sie ist eher ein Baum der Barmherzigkeit und des Mitleides mit hungernden Mönchen. Im Jahr 1443 wurde ganz in der Nähe vom Franziskanerorden das Kloster „St. Katharinen-Ihlefeld“ gegründet. Die Mönche verzichteten auf allen Besitz. Betteln für den Lebensunterhalt war ihnen ebenfalls untersagt. Die Einwohner der umliegenden Dörfer wussten aber, das der Weg der Mönche oft an der nahe stehenden Eiche vorüberführte. Sie legten dort Speisen ab. Um die Gaben vor Regen zu schützen, schlug irgendwer irgendwann ein Loch in den Eichenstamm. Im Laufe von einigen hundert Jahren wuchs das Loch mit der Eiche zu einem etwa zweieinhalb Meter hohen Durchgang. Dieses „Tor“ gibt dem Baum sein heutiges besonderes Erscheinungsbild.

Mitten im Nationalpark Hainich steht die Betteleiche, die zum Symbol des dreizehnten Nationalparks in Deutschland geworden ist. Sie ist auch der Namensgeber für einen in Kammerforst beginnenden Rundwanderweg. Die stilisierte Eiche auf hölzernem Schild ist ein verlässlicher Wegweiser, sich nicht zu verlaufen, egal ob man dem Weg in Uhrzeigerrichtung oder umgekehrt folgt. Obwohl der abwechslungsreiche „Betteleichenweg“ – er führt durch Offenland, jungen und alten Wald – zu den attraktivsten in der Region zählt, trifft man an diesem Sonntagnachmittag nur wenige Ausflügler. An der Betteleiche, etwa in der Mitte des Rundwanderwegs, schmollt ein Junge. Vielleicht ist er acht, vielleicht neun Jahre. Die Füße tun weh und der Weg ist so weit und überhaupt: Hier gebe es doch nur Bäume, Bäume, Bäume… Der kräftige Papa lacht, nimmt seinen Filou und packt ihn sich auf die Schulter. Ja, Papa ist der Beste und so macht das Wandern auch dem Nachwuchs wieder Spaß.

Nun, nach breiten und auch für Ausflugskutschen befahrbare Wege durchstreift man ein noch ruhigeres Stück Wald, das von mächtigen Buchen regiert wird und in dem kein Mensch den Bäumen noch etwas tun darf. Auf schmalem Pfad mitten durch den Nationalpark ist man unterwegs. Es riecht nach Moder und nach Fäulnis, nach Herbst und der Vergänglichkeit des Seins. Hier ist man seinen Gedanken überlassen. Ein Stück Traurigkeit schleicht sich ins Gemüt: Die Gewissheit, dass der Herbst nahe ist und sich das Jahr zu Ende neigt. Dass die Zeit der Sehnsucht nach Sonne und Wärme bevorsteht.

Jetzt ist man schon wieder draußen aus der Dunkelheit des dichten Blätterdachs des Waldes. Offenland gibt den Blick auf Kammerforst und das Thüringer Becken frei. Bald schon vermissen die Füße den angenehmen weichen Waldgrund. Eine wie mit dem Lineal gezogene noch ganz frische Asphaltstraße führt schnurgerade zurück ins Dorf.

Tipps zur Tour

Ausgangspunkt für die etwa 12 Kilometer lange Wanderung durch Wald und naturüberlassenes Offenland ist entweder der Parkplatz am Obergut oder am Zollgarten in Kammerforst. Der Wanderweg ist vorbildlich gut gekennzeichnet.

Die Gehzeit für die Strecke beträgt etwa drei bis vier Stunden.

Insgesamt sind während der Tour 200 Höhenmeter zu bewältigen. Die maximale Steigung beträgt 24 Prozent.

Einkehrmöglichkeiten gibt es im Dorf. Die Gastronomie ist weithin bekannt für ihre gute Küche.

Verpflegung aus dem Rucksack schmeckt unter der Betteleiche gut. Die ist etwa in der Mitte der Tour erreicht. Eine Bank umringt das imposante Naturdenkmal. Manchmal ist am Ihlefelder Kreuz, nahe der Betteleiche, auch ein kleiner mobiler Imbiss geöffnet.

(Quelle: R. Weise, U. Fickel, R. Halle, W. Hochstrate, E. Lehnert, R. Faupel, R. Kaiser: „Naturdenkmale im Unstrut-Hainich-Kreis“. Das Heft gibt es in der Umweltbibliothek in der Margaretenschule für eine Schutzgebühr von fünf Euro zu kaufen. )

DIASCHAU

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