Blumen statt Wüste

Posted by on 10. September 2009
Vor 65 Jahren fielen Bomben auf Mühlhausen und zerstörten Teile der historischen Innenstad

Vor 65 Jahren war den Mühlhäusern nicht nach Kirmes feiern zumute. Der zweite Weltkrieg tobte in seiner Endphase. War Mühlhausen bis jetzt vom Bombenhagel der Alliierten verschont geblieben, deutete das Sirenengeheul heute auf eine Katastrophe hin.

Von Iris HENNING

MHLHAUSEN.

Jürgen StölckerAm 11. September 1944 fielen mehrere Bomben auf die Stadt. Auch im Gebiet der Zöllnersgasse, im mittelalterlichen Stadtkern, zerstörte eine Sprengbombe mehrere Häuser.

Knapp sechs Jahre alt war Jürgen Stölcker damals. Gerade waren er uns seine Familie aus Hamburg geflohen, um dem tödlichen Bombenhagel zu entkommen. In Mühlhausen, bei Verwandten, wähnten sie sich sicher. Zusammen mit dem Vater suchte der Sechsjährige Zuflucht im Keller. Die Mutter glaubte nicht, dass in der bis jetzt verschonten Stadt tatsächlich Bomben fallen würden. Sie irrte. Wir konnten sie retten, wir haben sie lebend aus den Trümmern des Hauses ausgegraben, erinnert sich der heute 70-Jährige. Jürgen Stölcker ist einer der wenigen noch lebenden Zeugen, die sich an diesen tragischen September-Tag erinnern. Der große hagere Mann erzählt die Geschichte unaufgeregt. Wir haben Glück gehabt, sagt er heute.

Das Glück bestand darin, vor dem Nichts zu stehen aber immerhin noch eine Familie mit Vater, Mutter und Kind zu sein.

Aus dem Nichts entwickelte sich im Laufe der Friedensjahre die Gerberei in der Zöllnersgasse wieder neu und es entstand ein lebenswertes Wohnhaus gleich nebenan für die spätere eigene Familie von Jürgen Stölcker. Nichts erinnert mehr an die Zerstörung vor 65 Jahren. Der Gerber will auch nicht unbedingt mehr daran erinnert werden. Auch in der Familie spricht man wenig darüber. Nur wenn er nach der Geschichte gefragt wird, erzählt er mit wenigen, sachlich gewählten Worten. Ja, auch in der Nachbarschaft sei vieles zerstört gewesen. Aber auch dort würden längst die schönsten Blumen wieder wachsen.

garten und haus Lange (25)Der Mühlhäuser Roland Lange ist seit einigen Jahren Nachbar der Stölckers und dabei, mit viel Mühe und Aufwand sein altes Haus an der Schwemmnotte in ein Kleinod zu verwandeln. Nur noch eine Innenwand war an dem Gebäude, das von den Bomben damals verschont geblieben war, übrig, weiß Lange aus Erzählungen. Das übrig gebliebene Haus war in der DDR-Zeit als Tischlerei genutzt worden. Dann gammelte es vor sich hin. Roland Lange und seine Partnerin erwarben das Anwesen. Es wurde zum Lebensinhalt. Die Fassade gestalteten sie im neogotischen Stil. Richtig romantisch sieht sie in dem warmen Terrakotta aus. Ganz bewusst entschieden sich die Bauherren aber auch dafür, die Ziegelsteinreste von dem weggebombten Haus sichtbar zu lassen. Nicht aus Gründen, an den 11. September 1944 zu erinnern, sondern an eine viel weiter zurückreichende Geschichte Mühlhausens. So sahen die befestigten Häuser im 12. und 13. Jahrhundert durchaus ein bisschen wehrhaft aus, erklärt der geschichtsinteressierte und belesene Lange. Man soll ruhig sehen, dass hier einmal ein altes Gebäude gestanden hat, so der Bauherr. Am heutigen Tag werden Roland Lange und Jürgen Stölcker ein wenig an den 11. September vor 65 Jahren denken. Aber nicht zu viel, sagt Stölcker. Froh sind beide, dass diese Zeit so lange zurück liegt und in Mühlhausen ausgelassen die Kirmes gefeiert werden kann.

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