Bitterböses Spiel

Posted by on 17. August 2009
Theater der Stadt: Demokratie und Demagogie auf hoher See

„Mit der Demokratie hat es nicht geklappt. Diktatur stößt auf Widerstand. Aber irgend etwas müssen wir uns doch einfallen lassen“, sagt der eine. Drei Männer in Seenot wollen, um zu überleben, einen aus ihrer Mitte verspeisen. Die bitterböse Groteske „Auf hoher See“ spielte das Ensemble „Theater der Stadt“ Gotha im Schwimmbad am Schwanenteich.

Von Iris HENNING

MHLHAUSEN.

Auf hoher SeeAbenddämmerung schluckt zunehmend das Licht. Aus Lautsprechern tröpfelt elektronische Musik. Fledermäuse huschen über die Wasseroberfläche. Ein einsames Schifferklavier singt eine traurige Melodie. Ein Floß treibt langsam, wie willenloses Treibholz, näher. Es ist die Bühne dreier schiffbrüchiger Protagonisten. Sie haben ein Problem: Hunger. Die Vorräte sind längst aufgebraucht. Ihr Magenknurren dringt bis in die Zuschauerreihen. Einer der Schiffbrüchigen hat eine Idee, er (Christian Mark) weiß, wo es lang geht. Die Idee ist allerdings so grotesk-makaber, dass ihn anfangs niemand der berlebenden der Schiffskatastrophe ernst nimmt: Wenn sich nichts anderes zu Essen findet, muss einer von ihnen verspeist werden. Doch das aufgesetzte Lachen geht unter in den Krämpfen der hungernden Bäuche. Essen ist die einzige berlebensstrategie. Doch wer ist so edelmütig, sich freiwillig für die Gemeinschaft zu opfern? Der eine spricht von seiner guten Erziehung und dass er deswegen zu Schade wäre, als Speise zur Verfügung zu stehen. Der andere (Christian Bayer) führt Frau und Kinder als Argumente ins Feld. Der Dritte (Daniel Kersten) behauptet, ungenießbar krank zu sein…

Was folgt, ist eine Aneinanderreihung kannibalisch-grotesker, bitterböser Szenen. Der Weg zum Essen führt über Wahlkämpfe, Abstimmungen und geschickt eingefädelte Argumentationen. Es gibt eindringliche Appelle an hohe Werte wie Menschlichkeit, Moral, Kameradschaftlichkeit, denen man sich nicht entziehen kann. Allerdings: Es geht hier ums Gegessenwerden!

Lauthals loslachen möchte das Publikum über die zur Schau gestellte Komik. Doch die Ansätze der Lachsalven bleiben stecken. Es ist nicht zum Lachen, wie vorgeführt wird, wie Politik funktioniert und wie von hinterhältigen Machthabern Menschen für dumm verkauft werden. Demokratisch soll das Opfer bestimmt werden. Allgemeine Wahlen werden inszeniert. Mit bunten Luftballons, appetitanregenden Versprechen und dumpen Parolen wird wahlgekämpft, es kristallisieren sich der demagosierende Führertyp und der grelle Mitläufertyp heraus. Mit ideologischen Winkelzügen haben sie ihr Opfer schnell gefunden. Das Ziehen aller Register hilft diesem nicht, dem Kochtopf zu entgehen. Das Messer wird gewetzt und der Tisch mit Tafelsilber gedeckt und mit Blumen geschmückt, es folgt die letzte Waschung, auch wenn zum Schluss ein unverhoffter Fund doch noch eine Wende ins Geschehen bringt …

„Auf hoher See“, ein Theaterstück von Slawomir Mrozek als Open-Air-Inszenierung, ist eine genaue, bitterböse Parabel auf Macht, Intrigen und die Manipulierbarkeit des Menschen. Der Einakter ist eine vom Theater der Stadt Gotha hervorragend dargebotene Studie menschlicher Abgründe, die so keineswegs nur in der Extremsituation eines auf hoher See treibenden Floßes zu finden sind. Genau das ist das Erschreckende.

Weitere Inszenierungen:

21. August im Sübad Jena, 22. August auf dem Hammerteich in Georgenthal, 23. August auf dem Prinzenteich in Eisenach und 4. September auf dem Stausee Hohenfelden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.