Jubelnder Bach und dichtes Gedränge

Posted by on 15. August 2009
Mittelalterliche Stadtmauer musste großem Ansturm auf das Wandel-Konzert standhalten

Auch, wenn Mühlhausen eine Stadtmauer besitzt, die die größte begehbare in ganz Deutschland ist: Manches Mal reicht auch die größte Wehranlage nicht aus, um großen Ansturm bewältigen zu können. Für mehr als dreihundert Gäste, die in der Nacht zu gestern das Wandel-Konzert genießen wollten, zeigte die Stadtmauer ihre Grenzen.

Von Iris HENNING

MHLHAUSEN.

„Wir fangen pünktlich an“, sagt Museumsdirektor Thomas T. Müller leise zu seinem Vize Jürgen Winter. Der Museumschef weiß noch nicht, ob er sich freuen oder sorgen soll. Mit so vielen Gästen hat er wohl nicht gerechnet. Selbst aus Südtirol, aus Bozen, reiste eine Gruppe an, um die Serenade auf der mittelalterlichen Stadtmauer in Mühlhausen zu genießen. Die Menge der dicht gedrängt Wartenden am Fuß des Rabenturms ist groß. Die Gänge der Wehranlage und die Gartenhäuschen, in denen im Schein von Kerzen und Fackeln Solosuiten von Bach für Flöte, Oboe, Violoncello und Cembalo erklingen sollen, sind eng. Doch dann taucht einer aus einer anderen Zeit auf, jauchzt sich die Stufen der Stadtmauer hinunter in die Menge. Es ist junge, selbstbewusste Johann Sebastian Bach (gespielt von Ernest Goldhahn), der sich jubelnd über seine Anstellung in Mühlhausen freut. Ermöglicht sie ihm doch die Heirat mit seiner geliebten Cousine Maria Barbara Bach. Aber auch an eine Katastrophe erinnert der aus der Vergangenheit Gekommene: An den verheerenden Stadtbrand Ende Mai 1707, kurz vor seinem Amtsantritt als Organist in der Kirche Divi Blasii.

Mit dieser überaus gelungenen Schauspielszene begann der Serenadenabend. Bach lud die Wartenden ein, seine Musik zu genießen. ber den romantisch beleuchteten Wehrgang schob sich die gut gelaunte Publikumsmenge langsam voran. Auch, wenn es nur wenigen gelang, in den winzigen Häuschen einen Platz zu finden, lauschten die draußen Gebliebenen auf dem Gang den Klängen der Flöte, Oboe und des Violoncellos, genossen den warmen Sommerabend, den Blick in den Sternenhimmel und das Geflüster und Gekicher mit den Nachbarn. Ein musikalischer Hörgenuss für alle wurde schließlich das gemeinsame Abschlusskonzert der Thüringer Kammersolisten Cathleen Köchy (Flöte), Vasile Boar (Oboe), Heiko Lich (Violoncello) und Claudia Schweitzer (Cembalo) unter freiem Himmel auf der neuen Kleinkunstbühne am Münsterturm (Regensgasse). Das im In- und Ausland bekannte Ensemble, das auch die Reihe Mitteldeutsche Schlosskonzerte leitet, hat es sich zur Aufgabe gemacht, architektonisch wertvolle Denkmale mit klingender Kunst auszufüllen. Jetzt belebten sie die Mühlhäuser Stadtmauer mit der so wunderbar dargebotenen Musik aus Bach’scher Zeit.

Das Wandel-Konzert anlässlich des 84. Bachfestes war eine beinah perfekt umgesetzte Idee aus den Mühlhäuser Museen. Schade nur, dass die Stadtmauer trotz ihrer Größe zu klein war für den großen Ansturm der Mühlhäuser und Gäste der Stadt. Dennoch: Den Besuchern hat es gefallen. Sie schwärmten nicht nur von der Musik sondern auch von dem Erlebnis der nächtlichen Tour über den von Kerzen, Laternen und Fackeln beleuchteten Wehrgang und den Blick vom Rabenturm aus über die beleuchtete Stadt. Und sie dankten den umsichtigen Helfern aus den Mühlhäuser Museen, die alles taten, damit es ihnen, den Gästen, auch gut geht. Vielleicht ist der große Erfolg dieser erstmals stattgefunden Serenade ja der Beginn einer neuen Mühlhäuser Sommermusik-Reihe.

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